Alles Gute ist flüssig

Ich habe ja lange mit Bionade gekämpft, habe es für eine komische Modeerscheinung gehalten. So etwas wie kurzzeitiger Veganismus, Barfuß-Joggen oder Knoblauch-Eiscreme, aber mittlerweile habe ich das Getränk akzeptiert. Schmecken tut es mir zwar noch nicht wirklich und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich genau erfahren möchte, wie es denn nun wirklich hergestellt wird, aber immerhin habe ich nichts mehr gegen Bionade-Trinker. Nichts wirksames jedenfalls.

Nein, Quatsch, ich fing sogar an, das kleine Getränk symphatisch zu finden – abgesehen vom wirklich beschissenen Produktnamen. Doch seitdem mir jetzt dieses große Werbeplakat begegnet ist, auf dem „Bionade – das offizielle Getränk für eine bessere Welt“ steht, ist es mit der Liebe wieder vorbei.

Wie anmaßend ist das denn? Wir verbessern die Welt nur, wenn wir Bionade trinken? Kann ein Getränk überhaupt das offizielle Getränk einer besseren Welt sein? Na gut, vielleicht schon, aber jedenfalls nicht einer guten Welt. Einer besseren Welt als was überhaupt?

Trotzdem lustig, stellt Euch mal vor andere Getränke würden auf den Bandwagen aufspringen: „Coca-Cola präsentiert den Weltfrieden!“, „Die Nahost-Friedensverhandlungen werden ihnen präsentiert vom kleinen Feigling!“, nee, das geht nicht.

Dachte ich. Doch dann sehe ich, dass das Plakat mit der riesigen Bionadeflasche gar nicht für Bionade werben soll, sonder für eine Webseite, die unten klein steht:

stille-taten.de

Ach so. Jetzt verstehe ich. Die Idee der Webseite ist, ähnlich wie Amelie in ihrer wunderbaren Welt, die Welt ein Stückchen besser zu machen, in dem man sich Nettigkeiten für andere Mitbürger ausdenkt und zwar anonym. Das sei die schönste Form des Gebens. Die Beschenkten freuen sich und werden ihr Leben lang grübeln woher das kam.

Ich finde die Idee nicht schlecht, ich finde sie sogar großartig. Einige tolle Ideen wurden auch auf der Webseite genannt, so soll man zum Beispiel einen ausgefüllten Lottoschein in der Restaurantserviette verstecken, an Kinokassen Karten bezahlen und sie für die nächsten Besucher zurücklegen, Autos von unbekannten an einem Schneetag frei kratzen. Die Ideen haben mich alle gerührt, ganz ehrlich. Und meinetwegen kann das Bionade auch unterstützen, wenn sie sich dadurch besser fühlen … mooooooooment!

Gang zurück. Wie unterstützt denn jetzt Bionade das? Bionade vollbringt ja keine stille-taten, das machen ja andere. Und zwar freiwillig, kostet also auch nix. Wie unterstützt das also Bionade? Indem es Werbung für sich und die Webseite macht? Und die Webseite wiederum Werbung für Bionade macht?

Was steckt da wirklich dahinter? Ich finde es toll, dass da einige auf so Ideen kommen, wie Taxifahrern ein Frühstück hinzustellen, den Nachbarn den Rasen mähen, während sie im Urlaub sind, etc. Gut, einige der Ideen sind schon sehr spießig – wie es die meisten Weltverbesserer, obwohl sie es ja gerade nicht sein wollen dann doch um so mehr sind – z.B. ein batteriebetriebenes Fahrradrücklicht kaufen und es mit freundlichen Grüßen an ein Fahrrad ohne Rücklicht hängen. Einige sind auch selten total blödsinnig und ärgerlich – z.B. die Aufforderung an Weihnachten irgendwelche Bäume im Park oder an der Straße anonym zu schmücken. Andere jedoch sind schlichtweg genial, z.B. an Regentagen Regenschirme zu verschenken.

Wobei da natürlich die Anonymität flöten geht und schon wären bei der nächsten Sache, die Kopfkratzen verursacht. Wenn doch Geben seliger als Nehmen ist und die Idee ist, völlig selbstlos anderen eine Freude zu bereiten, warum kann man dann auf der Webseite berichten, welche tollen Taten man vollbracht hat? Eigentlich sollte man das ganze doch gerade ohne Selbstbeweihräucherung tun!

Der andere Punkt ist, man soll bei seinen guten Taten, Kärtchen hinterlassen, auf denen die Adresse der Webseite und deren Logo steht. Also Werbung verteilen. Unentgeltlich, noch nicht mal von Bionade gesponsort.

Gut, das Argument könnte jetzt sein, dass der Verweis auf die Webseite nur dazu führen soll, dass die Empfänger der Tat auch angeregt werden sollen eine Tat zu vollbringen und am Verbessern der Welt mit zu machen, aber muss das alles von der Webseite geleitet werden?

Mein Fazit, geht auf die Webseite, lasst Euch inspirieren, besser noch, habt eigene Ideen, vollbringt die gute Tat, hinterlasst einen eigenen Zettel, der nicht auf die Webseite hinweist – also auf stille-taten.de, auf ui. kann man nie genug hinweisen 😉 – und bleibt verdammt noch mal anonym und prahlt nicht mit Eurer guten Tat. Schließlich gibt es hier keine Pfadfinderabzeichen. Prost.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von „ui. der blog.“, Außerdem „ui. der vlog.“ auf Youtube und diverse andere Projekte.

Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott.

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2 Gedanken zu „Alles Gute ist flüssig

  1. Ganz einfach wie die beiden zusammenhängen:

    „Stille Taten“ ist eine Aktion (Werbekampagne) des Kreativteams von Bionade.

    Vergleich mal Impressum von Bionade.de und Stille Taten.de…

    PS: Nette neue Page im Übrigen

    Gruß

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