Bahn stempelt Kunden als Schwarzfahrer ab
Gastbeitrag von Axel
Ja, ich bin wütend auf die DB, die mir gestern einen Brief schickte, in dem sie mich indirekt des Schwarzfahrens für schuldig erklärt. Dies ist eine Frechheit, denn es ist falsch. Trotz meiner Wut versuche ich, sachlich zu berichten, was vorgefallen ist:
Früher war es kein Problem, eine Fahrkarte beim Zugbegleiter zu lösen. Das war öfter nötig als erwartet – der Automat auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt hatte oft seine Macken, manchmal war der Münzschlitz mit Kaugummi verklebt, und so weiter. Kein Problem im Zug: Karte gekauft und fertig.
Das geht heutzutage nicht mehr. Wer einen Zug ohne Ticket besteigt, der ist für die Bahn ein Schwarzfahrer, ob nun gewollt oder nicht. Konkret war ich an einem Sonntagabend in Hilden und wollte nach Köln. Ein Fahrkartenautomat mit Touchscreen-Führung stand zur Verfügung. Ich wusste, dass die Verbindung über Solingen die kürzeste ist. Doch der Automat ist scheinbar auf Profitmaximierung eingestellt: Er schlug mir nur IC-Verbindungen über Düsseldorf vor, die länger und teurer waren als die direktere Strecke mit S-Bahn und Regionalbahn. Der letzte Streckenvorschlag schlug mir sogar vor, die Nacht am Düsseldorfer Bahnhof zu verbringen. Wie freundlich.
Von Solingen war in den Vorschlägen nichts zu sehen. Dass die Strecke über Solingen tatsächlich kürzer und viel schneller ist, bestätigte sich, als ich im System die Verbindungen Solingen-Köln abfragte. Dennoch konnte ich keine Verbindung Hilden-Solingen-Köln eingeben. Ich schätze, das wäre irgendwie möglich gewesen, doch die komplizierte Menüführung hinderte mich daran, die richtige Lösung herauszufinden. Ich entschied mich daraufhin, eine Karte Hilden-Solingen zu lösen, um am Solinger Hauptbahnhof dann eine weitere Karte für Solingen-Köln zu kaufen. So bin ich: Ich war bereit gewesen, ein wenig mehr zu zahlen, und tat es auch.
In Solingen blieb mir kaum Umsteigezeit, da die S-Bahn schon in Hilden einige Minuten Verspätung hatte. Als ich ankam, stand die Regionalbahn nach Köln schon auf dem Gleis, die Abfahrtzeit war verstrichen. Ich entschied mich, einzusteigen und die Karte beim Zugbegleiter zu lösen. Hätte ich die Karte am Automaten gekauft, hätte ich die Regionalbahn verpasst. Eine daraus entstehende Wartezeit von einer Stunde bis zur nächsten Bahn nach Köln hielt und halte ich für unzumutbar.
Der Zugbegleiter informierte mich dann, dass die Fahrkarten nicht mehr in den Zügen verkauft werden können. Dies hörte ich zum ersten Mal. Der Zugbegleiter war übrigens sehr nett, nebenbei erwähnt, und erklärte mir, was nun passiert: Der Fahrgast ist jetzt in der Beweispflicht. Er erhält sofort eine Fahrpreisnacherhebung, also ein Strafgeld, von dem er beim Zugbegleiter aber zunächst nur den normalen Fahrpreis bezahlt. Dann kann er, sogar im Internet, Einspruch gegen die Fahrpreisnacherhebung erheben. Im Zweifel ist man also schuldig. Das erinnert nicht an die Grundrechte in einem freiheitlichen Staat – aber ich schweife gerade in meiner Wut ab.
Natürlich erhob ich im Internet Einspruch, scannte dazu auch die Fahrkarte Hilden-Solingen ein. Und hörte monatelang nichts. Zwischendurch las ich, dass die Bahn nun jedes Schwarzfahren zur Anzeige bringen will. Ich nehme an, ich kann mich glücklich schätzen, dass dies an mir vorüberging.
Und dann: Der Brief. Sagen wir es so: Wenn darin gestanden hätte, dass das Verfahren oder die Untersuchung eingestellt wurde: Ich wäre zufrieden gewesen. Ich wäre sogar zufrieden gewesen und wäre gerne wieder Bahn gefahren, wenn ich gar nichts mehr gehört hätte. Aber dieser Brief schlug dem Fass den Boden aus. Man schrieb mir, dass der technische Dienst den Automaten in Hilden überprüft habe, und kein Fehler festzustellen gewesen sei. Natürlich nicht – der Automat ist scheinbar auf Profitmaximierung programmiert, das ist kein technischer Fehler. Nur eine Schamlosigkeit.
Trotz der Formulierung „Den von Ihnen dargelegten Sachverhalt … haben wir eingehend geprüft“ erweckt der Brief den Anschein eines Standardschreibens – auf meine spezielle Situation und das Dilemma, einfach nicht an die richtige Karte zu kommen, wird nicht eingegangen. „Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“ wird aufgrund der „Serviceorientierung“ der Bahn allerdings dann doch auf ein Strafgeld verzichtet. Doch zwischen den Zeilen steht ganz groß, dass ich ein böser Schwarzfahrer bin. Und „Serviceorientierung“ lasse ich mal unkommentiert … nein, ich kann es mir doch nicht verkneifen: Besser wäre ein echter Service und nicht nur die Orientierung dahin.
Der Brief schließt mit der Formel „Es würde uns freuen, Sie demnächst wieder als Fahrgast …“. Vielen Dank, Frau Gress von der Fahrpreisnacherhebung. Wenn ich dann wieder als „schuldig bis die Unschuld bewiesen ist“ behandelt werde, und die Möglichkeit besteht, solche unverschämten Briefe zu bekommen, lehne ich ab. Das Maß ist voll. Ich werde demnächst immer zuerst nach Pkw-Fahrgemeinschaften suchen und anderen dazu raten, dasselbe zu tun.
Möchtest Du Dich auch mal als Gastautor auf ui. versuchen? Melde Dich. Kontaktmöglichkeiten im Impressum
kommentieren:
Powered by Facebook Comments

September 29th, 2009 at 7:38
Das gleiche habe ich hier auch gerade mit der Tochter der Deutschen Bahn, der S-Bahn zu laufen (Automaten defekt, Fahrstuhl defekt, Rolltreppe defekt – also für Behinderte unüberbrückbare Schwierigkeiten). Die mir nie auf meinen Widerspruch geantwortet haben, dafür deren Anwalt eine überhöhte Summe von mir fordert.
Anwalt übergeben. Ich glaube, dass die auf die „ersten“ Briefe von Kunden immer negativ reagieren, weil sie nicht glauben, dass die ernst machen.
September 29th, 2009 at 9:07
Jaja…die Bahn. Ich fahre jetzt seit einem Jahr fast täglich per Zug zur Uni. Dank Semesterticket habe ich zumindest die Automaten-Probleme nicht. Es kam aber auch schon vor, dass ich mit Freunden ohne Semesterticket “mal kurz” mit der Bahn fahren wollte. Durch den Abriss eines Parkhauses am Bahnhof, wovon wir nichts wussten, dauerte die Parkplatzsuche zu lang. Der Zug stand schon am Bahnsteig. Da ich jeden Tag die selben Geschichten im Zug mitbekomme, was Schwarzfahrer angeht, riet ich meinen Freunden davon ab einfach so einzusteigen.
Da lobe ich mir doch die Eurobahn: An den meisten kleinen Bahnhöfen wurden die Automaten ganz abgeschafft. Das Ziehen eines Tickets ist nur noch im Zug selbst möglich.
September 29th, 2009 at 10:39
Ich glaube, das Einsteigen ohne Ticket ist seit April oder so verboten. Ich finde es auch eine Frechheit. Ich hatte zum Glück immer schon eine Karte, und ansonsten hatte mein Freund auch immer Glück und einen netten Schaffner getroffen. Wie unterschiedlich scharf die Zugbegleiter sind, kann ich an zwei miterlebten Beispielen aufzeigen:
RB nach München:
Frau zeigt den beiden Schaffnern nichtsahnend ihr Bayernticket und sagt: “Kann ich bitte einen Kugelschreiber haben, ich hab leider keinen.”
Böser Schaffner: “Das hätten Sie vor Fahrtantritt machen müssen, ich muss Sie jetzt leider als Schwarzfahrer behandeln.”
Frau: “Bitte was?!”
Böser Schaffner: “Das steht überall drauf, dass Sie den Namen vorher draufschreiben müssen!”
Frau: “Haben Sie immer einen Kulli dabei oder was?!”
Guter Schaffner: “Sie hätten sich doch einen von jemandem leihen können.”
Frau: “Ich glaub, ich spinne! Ich hab eine gültige Karte bezahlt und soll jetzt als Schwarzfahrerin bestraft werden?”
Der Blick und die Stimme der Frau verraten, dass sie, sollte sie eine Maschinenpistole in der Jacke versteckt haben, diese auch zu benutzen gedenkt.
Der gute Schaffner lenkt ein und gibt ihr einen Kulli: “Na gut, dann schreiben Sie jetzt Ihren Namen drauf. Aber wenn das nochmal passiert, müssen wir Ihnen eine Fahrpreisnacherhebung berechnen.”
Wo ich mich frage: Können sich die beiden das Gesicht der Kundin merken, sollte es der Fall sein, dass ihr in 3 Monaten nochmal das Gleiche passiert?
RB nach Würzburg:
Schaffner: “Die Fahrkarten bitte!”
Mann reicht ihm sein Bayernticket und sagt dabei: “Haben Sie was zu schreiben, ich hatte leider keinen Stift.”
Schaffner nimmt die Karte, stempelt sie ab und gibt sie zurück.
Mann wiederholt seine Bitte.
Schaffner: “Bitte?… Einen Stift?”
Mann: “Ja, damit ich doch den Namen draufschreiben kann.”
Schaffner winkt ab: “Ach! Das hab ich gar nicht gemerkt.” und gibt dem Mann endlich einen Kulli.
Und da fällt mir ein, ein Freund von mir ist mal in der Gruppe mit dem Bayernticket gefahren. Und weil da vergessen wurde, einen Namen draufzuschreiben, musste die Gruppe nochmal eins lösen, da konnte noch so viel diskutiert werden.
Also man ist ja nicht nur Schwarzfahrer, wenn man versucht, ein Ticket erst im Zug zu lösen (Das Ganze geht zwar problemlos, wie man an freundlichen Schaffnern sieht, die das dann ohne Diskussion trotzdem machen!) sondern selbst wenn man eins hat…
September 29th, 2009 at 11:03
Ich finde den “Humor” mancher Schaffner ziemlich fragwürdig. In meiner Ausbildungszeit hatte ich mich in der S-Bahn fälschlicherweise in die 1.Klasse-Abteilung gesezt. Wie das Schiksal so ist kam auch wenig später ein Kontrollör. Doch anstatt mir einfach zu sagen “Sie haben kein 1.Klasse-Ticket, also gehen sie in die 2. Klasse” schaute der Schaffner mich nur arogant an und fragte rotzfrech: “Können Sie lesen?” Ich dachte ich hätte mich verhört (ich war noch ziemlich verschlafen). Da sagte der Kontrollör “Wa steht da?” – ohne irgendwelche Gehstiken zu machen. Nach 3 ziemlich unhöflichen Fragen des Schaffners, welche mich als wen darstellten, der nicht lesen kann merkte ich langsam, das er die 1 auf der 1.Klasse-Scheibe meinte. Das ist gar nicht mal so leicht zu erkennen, wenn ein Kontrollör die Sicht verdeckt und einen grundlos anschnauzt.
Ende der Geschichte – nach unnötigen 10 Minuten und Verschwendung meiner guten Laune muste ich ins 2.Klasse-Abteil gehen. Das hätte er auch sofort haben können, der Depp.
Zum Glück war das eine Aunahmeituation – alle anderen Kontrollöre ignorieren einfach wo man sizt so lange das Ticket bezahlt ist
September 29th, 2009 at 13:08
@Zic: Also hast Du nochmal versucht, Dich in die erste Klasse zu setzen? Oder woher weißt Du, dass alle anderen Kontrolleure das ignorieren?
September 29th, 2009 at 13:10
@Bianca: Unglaublich, verrückt. Mir ist auch wieder etwas passiert, es kommt also bald eine neue Bahngeschichte auf ui.
September 29th, 2009 at 13:12
Was ist denn die “Eurobahn”?
September 29th, 2009 at 13:27
Ja, die Bahn wieder… “Achtung! Kunde droht mit Auftrag!” sach ich da nur…
September 30th, 2009 at 17:16
..sehr treffend ist das Geschäftsmodell der Bahn hier beschrieben:
http://www.drehscheibe-foren.de/foren/read.php?3,3429046,3429046#msg-3429046
Auszug:
“Nehmen wir mal an, die Deutsche Bahn AG hätte es nicht mit dem Bahnverkehr zu tun sondern mit Erdbeerkuchen. Was wird gemacht?
Zunächst wird das Produkt Erdbeerkuchen ganz genau untersucht und dann in seine verschiedenen Bestandteile aufgeteilt.
Das Ergebnis: Primär gibt es den Boden und die Erdbeeren. Also wird ein Geschäftsbereich “Erdbeeren” und ein Geschäftsbereich “Boden” gegründet.
Der Geschäftsbereich “Erdbeeren” stellt fest, daß das geschmacksgebende eigentlich die Erdbeeren sind, die sich auch am besten vermarkten lassen. Der Tortenguß ist dagegen eher unbeliebt, weil er dick macht, also überlegt man rasch, ihn wegzulassen. “
Dezember 31st, 2009 at 12:28
Ich habe mit dem Kulli noch nie Probleme gehabt. Ich habe nie einen Stift dabei und wenn der Schaffner kommt und etwas sagt, dann sag ich ihm, dass ich keinen Stift hab und er gibt mir einen zum Schreiben. Die haben ja auch immer 2 – 3 Stifte dabei, die dann gerne mal durchs Abteil wandern. Ich hab auch schonmal Donald Duck aufs Ticket geschrieben, weils mir einfach zu blöd ist. Das wird ja dann auch nicht mehr kontrolliert, nachdem du da vor dem Schaffner was draufgeschrieben hast, geschweige denn überhaupt kontrolliert, ob sich der Name auf dem Ticket mit dem wirklichen Namen des Gastes deckt.
Allerdings hab ich ein Problem damit, dass sich die Kontrolleure nicht mit den Preisen und Tickets der Bahn auskennen. Ich habe mal als Schüler nach Konsultation der Schalterdame mir ein Ferienticket gekauft, und 2 Schaffner haben auf Hin- und Rückfahrt darauf bestanden, dass das Ticket nicht gültig ist. Unverschämtheit. Hab die dann verbal so lange bearbeitet, bis sie verärgert weitergegangen sind.
Ganz anders die Sache, wenn man ein Monatsticket hat und jeden Tag den gleichen Schaffner sieht. Dann kontrolliert der vlt. am Anfang des Monats nochmal genau und die restlichen Tage wirft er nur nen kurzen Blick drauf, in dem er garantiert nicht erfassen kann, ob das Ticket gültig ist.
September 29th, 2011 at 19:31
Man ist sogar verdaechtig und hat am Ende die Scherereien wenn man eine Fahrkarte hat und der Kontrolloer nicht in der Lage ist diese zu lesen.
http://www.fahrbier.de/2008/01/in-dubio-contra-fahrgast.html