Die Show bei der alles schief ging und mit einer Hochzeit enden wird
Es gibt Tage, an denen geht alles schief. Kürzlich hatten wir eine ziemlich desaströse Show. Doch um davon zu berichten, muss kurz für den Laien erklärt werden, mit was für Mikrofonen wir auf der Bühne arbeiten.
Alle Sänger arbeiten mit Headsets, das heißt sie haben einen Drahtbügel über ihren Ohren an denen ein Kabel befestigt ist, dass in einem kleinen Mikrofon mündet, das an ihrer Wange festgeklebt wird. Über den Bügel wird das Mikrofonkabel den Rücken herunter geführt, wo es in einer Buchse endet, ziemlich nah am Arsch, die im Sender steckt. Dort steckt auch der Akku. Zum Mischpult gelangt das Signal per Funk und das Gerät wird mit einem Mikrofongurt – einer Tasche an einem breiten Gummiband (wie eine Unterhose ohne Hose) – festgehalten.
Außerdem haben wir im Theater noch so genannte Handfunken, ganz normale Mikrofone, die man in der Hand hält, und die auch per Funk funktionieren, um Kabelsalat zu vermeiden. Diese werden allerdings in den Musical-Shows normalerweise nicht verwendet, sondern nur, wenn Ansagen gemacht werden.
Jetzt war es so, wir hatten eine Show, in der die Darsteller in der Eröffnungsszene durch den Zuschauerraum auf die Bühne kommen, nicht gleichzeitig und jeder in seiner Rolle, mit ein paar kleinen Schauspielszenen. Es funktionierte auch alles, nur das Mikrofon von Gertjan war nicht an. Immer wen man einen Satz von ihm hören sollte, hörte man beunruhigenderweise Nichts. Hatte der Tontechniker vergessen ihn am Mischpult aufzuziehen? Oder hatte Gertjan vergessen, das Mikrofon einzuschalten?
Im ersten Lied, dass darauf folgte, hatte Gertjan auch ein paar Solo-Stellen und noch immer war kein Ton von ihm zu hören. Quälenderweise das ganze Lied lang. Tontechnik und Bühnentechnik sind über Funk und Telefon miteinander verbunden, warum wurde noch kein Lösungsvorschlag oder Ursachenforschung betrieben? Warum hat ihm die Bühnentechnikerin kein “Spare” gereicht? (Mit Spare bezeichnet man ein Ersatzmikrofon).
Normalerweise wird in so einem Fall sofort eine Handfunke gereicht, damit die Show wenigstens einigermaßen weiterlaufen kann und dann der Defekt behoben werden kann.
Ich halte es nicht mehr auf meinem Sitz aus und schaue zum Kontrollraum der Techniker in der Mitte des Theatersaales, von dem aus mir der Theatermanager ein komisches Zeichen macht, dass ich als “nicht aufgedreht” interpretiere. Ah ja, dann ist ja alles gut, vielleicht wacht dann der Tontechniker endlich auf und dreht ihn auf. Oder sollte das Zeichen heißen, dass Gertjan sein Mikrofon nicht angeschaltet hat? Na dann sollte er aber mal so langsam drauf kommen, genau das zu tun.
Es folgt das zweite Lied und immer noch ist das Mikrofon nicht an. Ich halte es auf meinem Sitz nicht mehr aus und renne Backstage zur Bühnentechnikerin, die da seelenruhig dasteht und mache sie zur Sau, warum sie Gertjan noch keine Handfunke gereicht hat. Die Idee war ihr wohl vollkommen fremd und sie fragt mich: “Ja wann denn?”. Das Lied ist schon fast vorbei und sie fragt mich, ob sie jetzt auf die Bühne gehen solle, ihm eins geben. Nee, jetzt ist es auch zu spät, nach dem Lied zieht Gertjan sich um, da kann man ja schnell das Mikrofon ersetzen oder anschalten.
Ich telefoniere kurz mit den Technikern, da ja anscheinend alles, was man nicht selbst macht, schief geht und erfahre, was das Handzeichen des Theatermanagers bedeutete: Der Akku von Gertjans Mikrofon sei alle. Na so was, wird so etwas nicht am Anfang überprüft? Macht man nicht genau deswegen kurz vor der Show einen Soundcheck?
Also wird Gertjan in seiner Umzugspause schnell ein Ersatz-Headset gereicht. Dieses Headset liegt für genau solche Fälle direkt vor der Nase der Bühnentechnikerin. Warum kommt sie nicht selbst auf so eine Idee?
Gertjan zieht das Headset an und es funktioniert auch nicht. Zu spät, er muss auf die Bühne. Von anderen Darstellern wird mir die nächste Hiobsbotschaft gebracht: Auf der Bühne lägen Scherben und zwar genau dort, wo die eine Darstellerin sich nachher auf dem Boden wälzen müsse.
Die Bühnentechnikerin weiß natürlich wieder nicht, was sie tun soll. Also sage ich ihr, sie solle dem Animateur, der bei dieser Show immer hinter der Bühne aus hilft einen Besen geben und der solle im richtigen Moment die Scherben weg kehren. Die Bühnentechnikerin weiß nicht, wo ein Besen ist.
Mittlerweile frage ich bei dem Tontechniker nach, was mit Gertjans Ersatz-Mikrofon sei und erfahre, dass ach dort der Akku alle sei. Um es mal kurz fest zu halten: Da liegt ein Ersatzmikrofon extra Backstage, um ihn Notfällen schnell handeln zu können und die Batterie ist alle? Prüft so etwas keiner nach? Wie blöd muss man sein, um dort ein Mikrofon mit leerer Batterie zu deponieren?
Also mache ich mich auf in den Bereich hinter den Publikumsreihen, wo ein Technikraum ist, in dem Akkus aufgeladen werden, um ein volles Akku zu besorgen. Der Raum ist zugeschlossen, den Schlüssel hat der Techniker. Also klettere ich zu dem Techniker, hole mir den Schlüssel, schlage ihm mit der Faust ins Gesicht (okay, das war Wunschdenken) und hole das verdammte Akku.
In Gertjans nächster Umzugspause kann ich ihm den Akku geben und er schafft es gerade noch rechtzeitig zu seinem Liebesduett. Seine Mitsängerin ist glücklich, ein Liebesduett alleine wäre ja auch ein bisschen doof.
Mittlerweile ist klar, wo die Scherben herkamen, ein Scheinwerfer über den Köpfen der Darsteller ist geplatzt. Allerdings gelingt es jetzt dem Animateur die Scherben mit einem Besen einzusammeln.
Der Rest der Show verlief gut, das Publikum scheint von dem Chaos nicht wirklich viel mitbekommen zu haben und als der Vorhang fiel, waren wir alle mit den Nerven am Ende und kaputt, jedoch sehr erleichtert, dass die Show vorbei war.
Danach wollten alle etwas trinken. Gut, dass die eine Tänzerin, eine kleine Geburtstagsparty organisiert hatte, wo wir dann alle saßen und viel Wodka tranken. Punkt 12 gratulieren wir ihr alle, bis ihr Freund eine kleine Rede hält. Ihr Freund ist auch ukrainischer Tänzer, druckst in ein paar englischen Worten herum, “happy”, “together”, “party”, “drink”, “on the ship” und “is nice” habe ich verstanden, den Rest nicht. Sagt dann plötzlich einen großen Schwall an Wörtern auf ukrainisch und ich sehe nur noch, dass die Tänzerin zu weinen anfängt und “Da”, also “Ja” sagt. Der hat sie tatsächlich gefragt, ob sie ihn Heiraten möchte. Glückwunsch.
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April 8th, 2009 at 12:09
Na das nenn ich ja mal ein gelungenes Ende für einen Pannenabend
April 8th, 2009 at 12:20
Krass, doof.
April 8th, 2009 at 12:34
grusical..?
April 8th, 2009 at 13:39
nö.
April 8th, 2009 at 15:06
Ja wenn die Technik nicht funktioniert, möchte man erstmal garnicht glauben das man viele Dinge einfach nicht in den Griff bekommt. Mir ist während meines ersten ( und einzigen ) Auftritts, vor einem Stück das Inear Monitoring ausgefallen. Schnell auf der Bühne ( wie peinlich ) Akkus gewechselt und trotzdem keinen Sound. Na ja das Stück ( Dave is on the ..) ohne Inear gesungen. Da hatte das Drecksdingen einen Wackelkontakt in der Antenne und tat es danach ohne Probleme.
Das kann einen schon nerven kosten!!!!
April 8th, 2009 at 16:42
_Das_ Akku?
Ich bin verunsichert.
April 9th, 2009 at 1:35
Der Akku: http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20060621083111AAMaiH8