Guttenberg im Land der Spinner

Ich fasse es nicht, laut Umfragen sind nur 50% gegen eine Rückkehr von Guttenberg in die Politik. Was ist denn da los? Sind wir ein Land voller Spinner? Wir machen uns über Italien lustig, dass sich Berlusconi so lange an der Macht halten konnte, sind aber nicht großartig dagegen, dass ein Betrüger bei uns zurückkehrt? Was kommt als nächstes, die Demokratie abschaffen und zurück zu einem König?

Na aber der Guttenberg, der ist doch so sympathisch.

Nein, der ist schmierig.

Na, aber der Guttenberg hat doch seine Fehler zugegeben, der hat eine zweite Chance verdient.

Nein, er hat seine Fehler zunächst nicht zugegeben, sondern abgestritten. Und nur weil fleissige Helferlein im Internet alle seine Plagiate zusammengetragen haben, war der Druck so groß, dass er es eingestehen musste, aber nicht bevor er noch eine Menge Ausflüchte suchte, um sich an seiner Macht zu halten. Erst als es nicht mehr ging, gab er es zu. Und dann wurde auch noch das Verfahren eingestellt, gegen Zahlung von € 20.000 an die deutsche Kinderkrebshilfe. Also mit ein wenig Geld sich die Unschuld kaufen, na das wir Italien ja tatsächlich immer ähnlicher, nur dass es hier offen läuft und anscheinend nicht stört.

Ein Blogger hatte eine tolle Idee. „Das kotzende Einhorn“ schrieb der Staatsanwaltschaft, sie solle das Verfahren doch wieder aufnehmen, er würde dafür € 21.000 an die Deutsche Kinderkrebshilfe spenden. Eine grandiose Idee. Wenn Guttenberg sich Freunde kaufen kann, warum nicht alle?

Wobei ein Kommentator bei ihm schrieb, dass vielleicht gar nicht so viel Geld nötig sei:

„Man müsste doch die 20k € in Relation zum Besitz/Einkommen des feinen Herrn setzen. Bei Geldstrafen wird ja auch ein Tagessatz angenommen. Sind dann überhaupt 21k € nötig?“

Abgesehen davon, ist es natürlich immer gut, für die Deutsche Kinderkrebshilfe zu spenden. Aber sich auf dem Rücken einer gemeinnützigen Organisation rein zu waschen, das ist mehr als Panne.

Dennoch gibt es – zum Beispiel auf Facebook – massenhaft Guttenberg-Fans, die für ihn in die Bresche springen:

„Sein Fehler war, es nicht gleich zuzugeben. Das ist alles.“

Na, wenn das alles war, dann ist es auch okay, im Kaufhaus zu klauen, wenn man danach sagt, dass man es getan hat. Und wenn man es nicht sofort sagt, dann war es nur ein Fehler.

Die selbe Person schrieb an anderer Stelle:

„Was zählt, ist dass er ein guter Politiker ist. Solche braucht das Land. So überzeugte. Partei ist wurscht, Ausbildung ist wurscht. Ehrlich für ihre Überzeugung und zum Wohl des Landes eintreten, das ist wichtig.“

Ähm … verstehen echt so viele Menschen das Wort „ehrlich“ nicht?

Was mich aber aufregt, sind die Vergleiche, dass andere auch schlimme Sachen gemacht haben, weit Schlimmere. Na dann, kann man ja fast alle Betrüger in Ruhe lassen, weil es irgendwo ja welche gibt, die noch schlimmer waren. Das ist wirklich Unfug. Natürlich gibt es schlimmere Politiker als Guttenberg und natürlich gibt es bewegendere Dinge. Das heißt trotzdem nicht, dass man einen Lügner und Betrüger wie ihn akzeptieren muss, nur weil es noch schlimmere Sachen gibt. Wenn ein Kaufhausdieb gestellt wird, kann er sich ja auch nicht verteidigen mit „es gibt schlimmere und weltbewegendere Sachen, lasst mich in Ruhe!“. Und ein Politiker, von dem ich vermute, dass er Dreck am Stecken hat ist mir immer noch lieber, als ein Poliziker, von dem ich es weiß. So schlimm das auch ist. Aber es gibt kein schwächeres Argument als „Die anderen Politiker sind auch keine Heiligen“.

Nur darauf argumentiert die Besagte wieder fern jeder Logik:

„Wie gross ist die Chance, dass ein Politiker, der schon mal erwischt worden ist, das nochmal macht? Grad im Fall TvG wohl gering. Da haben ja alle die Augen drauf.
Einer, bei dem man es vermutet… hmmm, WARUM vermutet man denn das? Wenn’s schon so weit ist, dass die Öffentlichkeit was vermutet, ist doch anzunehmen, dass der wirklich Dreck am Stecken hat, man es nur nicht nachweisen kann.
Da ist mir der reuige Erwischte lieber.“

So ein totaler Quatsch. Oder ironisch:

Stimmt, man sollte alle Positionen mit überführten Kriminellen besetzen, die Chance, dass er es nochmal macht, ist gering. Berlusconi lassen wir mal als „Ausnahmen bestätigen die Regel“ weg.
Ich kaufe meinen Wein auch nur noch bei Leuten, die wegen Weinpanscherei überführt wurden, denn diemachen das ja nicht wieder. Als Handwerker stelle ich nur noch die Leute ein, die für den Pfusch beim Kölner U-Bahn-Bau verantwortlich waren und als Polizeichef hätte ich gerne einen Ex-Mörder. Und, dass er was nochmal macht? Es ist ja nicht so, dass er wine weitere Doktorarbeit in Planung hätte.

Aber es gibt noch weit schlimmere geistig offensichtlich verwirrte Guttenberg-Unterstützer. Die schreiben dann so etwaswaswas:

„ja denke er hätte es glei sagfn solln..ansonsten finde ich ihn sehr fähig“

Genau wegen solcher Statements sind so viele Betrüger in der Politik unterwegs, weil sich das dumme Volk eh alles vorsetzen lässt. Das ganze Hickhack um seine Doktorarbeit hat ja nur davon abgelenkt, dass der Kerl auch sonst zu nichts fähig ist.

Und dann schrieb sie noch „aber er sorgte für frischen wind“ und „man hat ihm ja nicht die zeit gelassen das zu beweisen..ganz schnell hat man gesucht gesucht, gefunden“

Meine Fresse. Nenne mal einen frischen Wind: sag mal ein Beispiel, „sorgte für frischen Wind“, „guter Politiker“ – das sind alles nur Floskeln, die die Gutti-Fans irgendwo aufgeschnappt haben, als sie aus ihren Löchern krochen als sein Personenkult anfing. Das sind komischerweise immer Leute, die dann kein einziges Beispiel nennen können, weil sie sich vorher gar nicht für Politik interessiert haben.

Fakt ist, dass Politiker, wenn sie als Verbrecher überführt wurden, nicht einfach mal ein paar Monate Pause machen sollten und zack zurückkehren, sondern auch erst mal ihre Strafe kriegen sollten. Und nicht einfach Verfahren gegen Zahlung von lächerlichen 20.000 Euro einstellen.

Der Mann ist ein Betrüger, hat das ansehen der Politik, der Uni und von jedem Dr. beschmutzt und hat vor allem erst mal, als die Vorwürfe kamen, geleugnet, was das Zeug hält.

Toller Mann.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von "ui. der blog.", Außerdem "ui. der vlog." auf Youtube und diverse andere Projekte. Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott. G+

16 Gedanken zu „Guttenberg im Land der Spinner

  1. lol@ „Nenne mal einen frischen Wind“

    „Zugegeben“ ist auch relativ. Sagt er nicht immer noch: Wenn ich wirklich betrügen hätte wollen, hätt ich es doch viel geschickter angestellt?
    Sich verantwortlich fühlen und zu seinen Fehlern stehen klingt für mich aber anders.

    Ich bin fest überzeugt davon, hätte er seine Schuld (vielleicht sogar einen Ghostwriter) zugegeben, hätte ihm das Volk auch das verziehen, und das in nicht allzuweiter Zukunft.

    Ich höre oft, wie der Kerl verteidigt wird. Mich bringt das auch auf die Palme, dass sein betrügerisches Handeln und das folgende arrogante Leugnen einfach als Bagatelle angesehen wird.
    Vor ein paar Monaten habe ich mir mal die Mühe gemacht, tatsächlich in einige Stellen der Doktorarbeit reinzulesen. Da war einiges, das ich unter schlecht zitiert verbuchen würde, aber dann auch viele Stellen, wo komplette Gedankengänge abgeschrieben waren. Keine Kleinigkeit also.

    Und mal ehrlich, ein Politiker ohne Integrität, das ist für mich ohnehin keine Bagatelle.

    P.S. Ich finde, du solltest deinen Wein in Zukunft vielleicht woanders kaufen.

  2. I agree. Das wichtige für Gutti ist doch im Moment eh nur, dass sich sein Buch gut verkauft. Ob er jetzt in die Politik zurück kommt oder nicht ist ihm glaub ich egal. Und die Bildzeitungsleser die zu ihm halten sind einfach ein Gimmick. Ich versteh eh nicht wie irgendwer diesen schmierigen Typen gut finden kann. Schon alleine die Ähnlichkeit zu Kai Diekmann hätte doch schon alle stutzig machen müssen.

  3. Hahahah, oh mein Gott, du hast Recht. Ist mir nie aufgefallen.

    Aber was will uns dann nun der NEUE Look von „Gutti“ sagen?
    Will er nicht mehr wie Diekmann aussehen? Distanziert er sich etwa von der Bild-Fangemeinde? lol
    Naja, die kaufen wahrscheinlich auch nicht soviele Bücher.

  4. das beste war immer noch das Video, indem er seine Arbeit zu früher Stund verteidigt mit den Worten „Die Arbeit ist kein Plagiat… blabla… ääärrr, “ *verstotterer*… und die Aufnahme geht weiter, und man sieht wie er leicht verwirrt wieder in den DummschwatzModus Schaltet und das Programm wieder runterleihert. Der Scheiterhaufen war nicht lustig genug für das Gefühl was ich bekomme, dieser Ekel, dieser Widerwart, buargh.
    Aber Nett anzuschaun issa ja schon …

    hier sieht man gerade den Switch, und das dämlich Zucken und Grinsen im Gesicht ist so Fresseeinschlagend ohne schlechtes Gewissen würdig,
    es wäre um nichts schade, auch nicht um Moral und Ethik…sry

  5. „Erst als es nicht mehr ging, gab er es zu.“
    Hab ich etwas verpaßt?? „Ja – ich hab betrogen.“ oder „Ich habe abgeschrieben“ hat er doch nie gesagt – immer nur von „ungeheuerlichen Fehlern“ (wofür er erstmal in die Arbeit schauen mußte…) und ähnlichem war die Rede – aber nie das Eingeständnis selber.
    Sehr schön dazu auch gerad bei spiegel.de (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,799706,00.html) – er „braucht“ jetzt keine Brille mehr – hat ihm eine Ärztin in USA attestiert. Der Begriff selbstverliebter Poser paßt da schon recht gut.

    @sunny – nettes Telefoninterview – gute Argumente auf beiden Seiten 😉

  6. Danke für Deine konstruktive Kritik, Peter. Vielleicht kannst Du sie konkretisieren und sagen welcher AUssage Du nicht zustimmst und wie Du es siehst?

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