Im Zug von Berlin nach Augsburg war ich unsichtbar


Im Zug von Berlin nach Augsburg war ich unsichtbar. Ich wachte schon nach meinem Solo-Auftritt in Berlin mit einem etwas komischen Gefühl auf und dachte, es sei wieder eine verdammte Erkältung, doch irgendwas war anders. Als ich nämlich mitten auf der Fahrt ins Bordbistro ging, wurde ich nicht wahrgenommen.

Der Fettleibige Kellner bediente die Person vor mir, und als er fertig war – er war übrigens so fett, dass er sich hinter der Theke nicht umdrehen konnte, so schwer, dass der Zug Schräglage hatte – ging er einfach weg. Wobei gehen, bei dem Monster nett gesagt ist.
Dann stand ich erst mal 5 Minuten allein da. Da kam die Bedienung vom Bordrestaurant ins Bistro, tippte etwas auf der Kasse herum und ging auch wieder. Dann kam die Schaffnerin und ging auch an mir vorbei, ließ sich aber vom Kellner einen Kaffee machen. Wäre ja auch sehr bahn-untypisch, wenn auf einmal der Kunde zuerst kommen würde.

Irgendwann gingen beide und ich stand immer noch da. Nach 25 Minuten torkelte Oliver Hardy wieder zurück und versuchte sich wieder hinter die Theke zu zwängen, wobei er an Stan Laurel – dem Restaurantkellner vorbei musste, was dazu führte, dass einige Flaschen vom Tresen fielen. Als er sie vom Boden aufheben wollte, blieb er fest stecken. Das beschäftigte ihn sehr und als er endlich fertig war, konnte er sich wieder dem Mich-ignorieren widmen.

Irgendwann, als ich da schon eine halbe Stunde stand – nein, ich sagte nichts, wieso sollte ich? – und darauf wartete, als potentieller Kunde und Geld-Da-Lasser erkannt zu werden, kamen noch andere Gäste ins Bordbistro.

Diese stellten sich vor mich und bestellten. Überhaupt niemand kam auf die Idee, mich zu fragen, ob ich schon bestellt hätte oder dass ich zuerst mal dran sei. Ich bin aber auch ganz froh, denn der fette Kellner wischte seinen Stirnschweiß mit der Hand ab und riss dann ohne zwischenzeitiges Händewaschen, die Plastikverpackung von der Tiefkühlpizza ab, um sie in den Ofen zu stecken.

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Igitt. Ich fragte, nach einem Stift, weil ich mir die Namen der Blödmänner aufschreiben wollte, um mich zu beschweren, doch anscheinend war ich nicht nur unsichtbar und auch stumm. Als ich dann ging und dem anderen Schaffner vor der Tür ein „Das ist ja wie Dick & Doof da drinnen“ zuwarf, hatte er auch nur einen kleinen Windhauch gespürt.

Menschen sind doof. Ich will wieder zurück auf meinen Planeten.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von „ui. der blog.“, Außerdem „ui. der vlog.“ auf Youtube und diverse andere Projekte.

Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott.

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6 Gedanken zu „Im Zug von Berlin nach Augsburg war ich unsichtbar

  1. Da musst du nächstes Mal in der 1. Klasse fahren, da wirst du ab und zu am Platz bedient – weshalb die Bedienung auch weggegangen sein dürfte. Da sitzt du dann bequem, während du ignoriert wirst, weil die Bedienung zurück zum Bistro hastet (oder wie man das bei deinem Exemplar nennen mag). 🙂

  2. So wie sich das anhört, hattest du auch etwas Spaß daran das alles zu beobachten. Wenn nicht dann glaube ich doch das du Selbsbewusst genug wärst, dich in dieser Stituation durch zusetzten um etwas zu bestellen.

    Grüße Beate

  3. Sicherlich hätte ich auf mich aufmerksam machen können. Dann aber nur, um den Atrschlöchern mitzuteilen, dass ich aufgrund ihrer Unaufmerksamkeit und Unhöflichkeit bei denen sowieso nichts bestellen würde und in Anbetracht der Tatsache, dass ich dann sicherlich ausfallend geworden wäre und irgendetwas umgeschmissen hätte, würde ich es wohl doch lieber lassen wollen.

  4. Ein Glück, dass die Speisen und Getränke im Bordbistro trotz vermeindlicher Sternekoch-Planung ja nun doch nicht so der Hit sind. Da hast du nix verpasst bzw. sogar im besten Fall deinen Körper vor bleibenden Schäden bewahrt! 😉

  5. Ich beherrsche die Kunst des Unsichtbar-Machens auch. Nicht nur im ICE. Auch an Wurst-Theken, Cafés, oder Klamotten-Läden. Außer, ich will meine Ruhe und nur mal ein bisschen gucken. Dann kommt alle paar Sekunden jemand an, der mir Helfen möchte oder mich sonstwie zutextet.

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