Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk retten das Fernsehen

Heute Abend findet ja die Debatte von der ganz Deutschland spricht statt. Ich werde mir das ganze nicht anschauen. Wozu auch? Die beiden diskutieren übers Fernsehen? Im Fernsehen? Das ist ja wie bloggen über Blogs. Und in den Berichten danach, wird dann im Fernsehen darüber diskutiert, wie im Fernsehen über Fernsehen diskutiert wird?

Brauche ich nicht, braucht niemand. Vor allen Dingen hieß es doch, dass eine Diskussion mit den Intendanten, den Senderchefs stattfinden würde. Ranicki gegen die TV-Bosse. Die TV-Bosse kommen allerdings nicht, nur der Moderator Thomas Gottschalk ist da. Ja, wie – das ist doch dann keine Diskussion? da kann Ranicki auch einfach eine Rede halten, was sowohl interessanter, lehrreicher als auch unterhaltsamer wäre – und übrigens beim Fernsehpreis auch war, bevor da eine langbeinige Blondlocke einschreitet und aus dem Hut gezauberte Vorschläge zur Güte zaubert, um die Rede des Kritikers zu beenden.

Und Gottschalk wird nun heute Abend das deutsche Fernsehprogramm verteidigen? Gottschalk? Und was kommt als nächstes, Bushido verteidigt den Buchhandel, Mario Barth den deutschen Humor, Bild den Journalismus und Daniel Küblböck die Qualität der aktuellen Musikproduktionen? Land und Leute?

Übrigens, wo war denn bei der Preisverleihung der Skandal? Ich sah überhaupt keinen Eklat. Ranicki geht hin und sagt, wie scheiße das TV-Programm ist. Gott, da wäre jetzt von alleine niemand drauf gekommen. Ohne scheiß, was erwartet man, dass er sich für den Preis bedankt und den Müll im TV lobt? Wenn irgendjemand sagt, dass die deutsche Musikindustrie in den letzten 10 Jahren nur Müll produziert hat, dann werden auch nur ein paar Schlagersänger und Dieter Bohlen Einspruch erheben. Wenn jemand schreibt, dass die meisten Blogs stinkelangweilig zu lesen sind, kommt als Kommentar auch nur „alt.“

Und sowieso, der Typ ist Kritiker von Beruf. Ein Kritiker, der nicht kritisiert, hat den Beruf verfehlt. Reich-Ranicki hat genau den Erwartungen entsprechend gehandelt, alles andere wäre ein Skandal, sonst nichts. Der eigentliche Skandal ist ja, dass nicht jeder möglichst oft darauf hinweist, wie Hirnlos das Fernsehen ist, sondern dass es einen wie Marcel Reich-Ranicki braucht, um das auszusprechen.

Ich wusste ja nicht, dass er das nur tat, um auch mal wieder eine Sendung im TV zu haben, aber das Ergebnis muss ich mir nicht anschauen. Es ändert ja nichts, es wird kurz darüber berichtet und bald ist alles vergessen und die Gerichtsshows und die Casting-Mobbing-Shows laufen immer noch.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von "ui. der blog.", Außerdem "ui. der vlog." auf Youtube und diverse andere Projekte. Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott. G+

4 Gedanken zu „Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk retten das Fernsehen

  1. Und wer hat selbst einmal mit dafür gesorgt, dass Gerichtsshows über den Bildschirm flimmern?!
    Ich schau mir sowas keinesfalls an. Nur wenn Talk-, Gerichts- und Castingshows keine Quote bringen würden, wären sie längst abgesetzt worden. Fernsehmacher machen, was der das Gros der Zuschauer sehen will. Wobei zwischen öffentlich rechtlichen und privaten differenziert werden sollte. Der Aspekte-Bericht der Buchmesse eben im ZDF spricht ein völlig anderes Klientel, nicht nur die Ü-80-Generation, auch mich, eher an als der mit der Bohlen-Visage werbende RTL-Spot. Reich-Ranickis ewiges „Frühes war alles besser“ ist allerdings auch weit überholt.
    Die Sitzung ist geschlossen.

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