Gastkolumne von Axel
Während der WM strahlten die TV-Sender zu sämtlichen Nationalhymnen deren Übersetzung im Videotext aus. Und was sangen die Holländer, kurz vor Beginn des Spiels? Sie sangen inbrünstig: „Den König von Spanien hab’ ich allzeit geehrt.“ Der war zwar nicht im Stadion, „nur“ die Königin, dennoch ließ das nur einen Schluss zu: Spanien war Weltmeister. Schon vor dem Anpfiff.
Denn so kurz vor Beginn sind die Spieler, laut Oliver Kahn, wie in einem Tunnel: „Da bist du in einem Kampf! Geistig, körperlich, UND mental! Und auch emotional bist du in einem Kampf!“ Und zu genau diesem Zeitpunkt des mentalen Kampfes kommen die Hymnen. Was könnte einen Nationalspieler da stärker beeinflussen als der Text der eigenen Hymne? Sie wirkt wie eine psychologische Einstimmung auf das Spiel – davon können die Niederländer nun ein Lied singen.
So wird es auch klar, warum Thomas Müller gerade durch ein Handspiel mit Gelb verwarnt wurde und für das Halbfinale gesperrt war: Er hatte die Hymne mitgesungen. Und da heißt es ganz klar: „Brüderlich mit Herz und Hand!“ Eine fatale Einstimmung auf ein Fußballspiel! Das gleiche passierte Cacau im Spiel um Platz 3. Doch immerhin singt Cacau die Hymne mit. Manch anderer lässt das sein – vielleicht aus gutem Grund: Einigkeit und Recht und Freiheit – auf einem Fußballplatz? Die Freiheit ist durch die Regeln eingeschränkt, Einigkeit herrscht aufgrund des Kampfcharakters nie, und sein Recht bekommt man bei den vielen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter auch nicht.
Ganz anders ist da die Hymne der USA – sie erzählt von einer Schlacht: „Der Raketen roter Schein, das Bersten der Bomben in der Luft bewiesen die Nacht hindurch dass unsere Flagge noch da war.“ So eingestimmt startet man doch eher einen Sturmlauf aufs Tor als die Italiener, die ihr „Lasst uns die Reihen schließen, wir sind bereit zum Tod“ etwas zu defensiv ausgelegt hatten. Und auch Slowenien schied in der Vorrunde aus, vielleicht wegen des ersten Satzes ihrer Hymne: „Freunde, die Rebe hat nun wieder den süßen Labetrunk beschert.“
Uruguay kam dagegen sehr weit – kein Wunder bei deren Hymne! Sie ist ein Kracher. Eine perfekte Einstimmung auf den Kampf. Es geht sofort los mit „Vaterland oder Grab!“ Wer ist nach so einem ersten Satz nicht sofort motiviert, sich für sein Land komplett zu verausgaben? Und es geht noch weiter: „Freiheit oder ruhmvoller Tod! Diesen Schwur unserer Seelen werden wir heldenhaft erfüllen!“ Also, wer danach nicht den Gegner vom Platz fegt, der hat nicht mitgesungen: „Zittert, Tyrannen! Selbst sterbend werden wir ‘Freiheit’ rufen!“
Von so einer Einstimmung konnten die Niederländer nur träumen. Sie mussten singen: „Wilhelm von Nassau bin ich, von deutschem (!!) Blut, dem Vaterland getreu bis in den Tod, ein Prinz von Oranien bin ich ….“ – spätestens hier ist man doch mental schon eingeschlafen! Da hatten die Spanier einen entscheidenden Vorteil: Deren Hymne hat keinen Text.

