Deutschland im Kino

Gestern Abend war ich im Kino. Da ich schon seit langer, langer Zeit nicht mehr im Kino war und über das aktuelle Programm überhaupt nicht informiert bin, ließ ich mir von einem Freund Filme empfehlen. Sein erster Vorschlag war Woody Allens „Match Point“.

Vor allem die Darstellerin Scarlett Johansson (die ich nur vom Namen her kenne) hat es ihm angetan. Er sagte, dass er zwar eine tolle Freundin habe, aber dass wenn in diesem Augenblick Scarlett Johansson durch die Tür kommen würde, auf ihn zugehen würde und ihm sagen würde: „Nimm mich!“, dass er dann und nur dann seine Freundin sofort verlassen würde.

Nun, die Situation ist aus verschiedenen Gründen nur hypothetisch, denn

– die Tür war zu dem Zeitpunkt abgeschlossen
– Scarlett Johansson kann kein deutsch und hat keine Ahnung was „Nimm mich!“ heißt
und
– selbst wenn das so wäre, würde sie das nicht zu dem Freund sagen. Nicht, wenn ich daneben stehe.

Das alles außer Acht lassend, fragte ich ihn:

„Hast Du das denn schon Deiner Freundin gesagt?“
„Ja.“
„Und ist es noch Deine Freundin?“
„Ja. Bei jeder anderen Frau, wäre dann die Hölle los, aber sie hat den Film auch gesehen und stimmte mir absolut zu.“

Also beglückwünschte ich ihn. Dann fragte ich nach der Telefonnummer seiner Freundin.

Den zweiten Film, den er mir vorschlug, war „Sommer vorm Balkon“. Für den entschied ich mich dann auch. Ein großartiger Film, so was kann Hollywood gar nicht. Und zu dem Freund muss ich sagen: Wenn meine Freundin Scarlett Johansson wäre und just in diesem Moment ginge die Tür auf und Nadja Uhl käme rein und würde „Nimm mich!“ sagen, dann würde ich auch Scarlett Johansson verlassen. Abgesehen davon sind beide in echt ja bestimmt sowieso nur olle Schauspiel-Schnepfen.

Zum Film sage ich nichts, wer in gesehen hat, weiß es ja, und wer nicht, muss ihn halt noch sehen.

Ich sah den Film im Cinemaxx Hamburg, ein großes 10-Saal Multiplex. Der größte Saal hat glaube ich über tausend Sitze. Dort lief irgendeine Veranstaltung, jedenfalls kein regulärer Kinofilm. Und gerade als ich vor dem Film noch zur Toilette und zum Kiosk gehen wollte, flogen die Türen des großen Saales auf und 1000 Menschen strömten kurz vor mir in Richtung Kiosk und Toilette und verstopften alles für die nächsten 30 Minuten.

Ich kam dann aber doch nur zu meinem Popcorn, denn Popcorn ist Pflicht. Das deutsche Volk ist ja in salzig und süß strikt gespalten. Ich persönlich habe nichts gegen süßes Popcorn. Aber süßes Popcorn gehör in den Zirkus. Im Kino ist salziges Pflicht. Umso nervender, wenn sich dann in die Salz-Popcorn-Tüte ein einzelnes süßes Popcörnchen verirrt und das gesamte Geschmackserlebnis ruinieren will.

Als ich dann in meinem Saal saß, lief noch die akustische Musikbeschallungsfolter mit Boygroup-Hits. Diese wurden unterbrochen durch eine Saaldurchsage:

„Achtung, eine Durchsage für die Teilnehmer der Veranstaltung in Saal 1: Die Pause ist jetzt beendet. Bitte gehen Sie zurück in den Saal und nehmen sie ihre Plätze ein.“

Dann wieder 5 Minuten Musik. Und wieder eine Durchsage:

„Und noch mal der Hinweis für die Teilnehmer der Veranstaltung in Saal 1: Bitte kehren sie zu ihren Plätzen zurück, die Pause ist jetzt vorbei.“

Wieder 5 Minuten Musik. Und noch mal:

„Achtung, eine Durchsage für de Teilnehmer der Veranstaltung in Saal 1: Die Pause ist jetzt beendet. Bitte gehen Sie zurück in den Saal und nehmen sie ihre Plätze ein.“

Ja, vielleicht wollen die ja nicht zurück? Muss eine grausame Veranstaltung gewesen sein.

Bei mir fing dann die Werbung an. Die ja im Kino viel toller sein soll, als im Fernsehen. Find ich nicht. Ich finde die Leute die Werbung machen, die Schanzenviertel-Killer, die sich ja für ach so kreativ und ideenreich halten, sind vor allem zwei Sachen: langweilig und eingebildet.

Da ja im Kino noch Zigarettenwerbung erlaubt ist, versuchten die mir zu verklickern, dass ich ins Marlboroland kommen sollte, wo der Geschmack ist. Das muss irgendwo in Amerika sein, wo noch echte Cowboys mit tiefer Stimme hausen. Aber warum soll ich da jetzt hin? Und Prince erzählt mir in der Werbung nahezu 20 mal „schmeckt nicht jedem“ – ja Wahnsinn, dass ist ein Grund, die Zigarette zu kaufen, nicht weil sie schmeckt, sondern weil sie nicht schmeckt. Dafür habe sich wahrscheinlich 20 Kreative wieder auf die Schulter geklopft, weil sie das für Innovativ hielten.

Und dann kam tatsächlich noch einmal die „Du bist Deutschland“-Kampagne. Auf Kinoleinwand erscheint sie noch viel blöder. Ich muss mich fragen, was die klugen Leute, die da auftreten und Kevin Kuranyi an immens hoher Gage bekommen haben, um sich dafür herzugeben. Und ich hoffe inständig, sie haben danach ihre Manager gefeuert.

Danach kam dann eine Adidas-Werbung zur Fußball-WM, wo die Jungschauspieler Lukas Podolski und Dingsbums Schweinsteiger und Oscar-Preisträger Michael Ballack und Gorilla Khan über ihre Zeilen stolpern. Mir wird klar, Fußballer sind noch mehr als Werbefuzzis: langweilig, eingebildet und dumm.

Zum Abschluss der Werbung kommt tatsächlich immer noch die Eiswerbung. Dabei hat seit ich geboren bin niemand mehr Eis im Kino gekauft, kein Wunder, dass das Kino in der Krise ist, selbst schuld. Wenigstens haben sie den enttäuschten Bauchladenverkäufer („Will jemand ein Eis?“ – Kollektivantwort. „Nein!“) eingespart.

Nach der normalen Werbung kommt die Vorschau. Kino-Trailer. Das ist Kunst. Im Gegensatz zu denen, die die blöde Werbung davor verzapfen sind die Jungs und Mädels die Trailer produzieren wahre Götter. So scheiße der Film auch sein mag, nachdem man einen Trailer gesehen hat, möchte man ihn unbedingt schauen und kann gar nicht erwarten, dass er in die Kinos kommt.

Noch eine abschließende Beobachtung zu öffentlich Toiletten. Die mangelnde Sauberkeit der Toilettenkabinen lässt mich immer wundern, dass viele Männer anscheinend zu männlich sind, um sich zu setzen, aber zu unmännlich um an den ungeschützten Pissoirs, dem Penisvergleich stand zu halten. Ich persönlich bin mit meiner Männlichkeit so wahnsinnig im Reinen, dass ich mich sogar setzen kann und bei guten Filmen auch weinen kann. Und wem das nicht passt, dem Hau ich in die Fresse.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von „ui. der blog.“, Außerdem „ui. der vlog.“ auf Youtube und diverse andere Projekte.

Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott.

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