TV-Düll

Schade, schade, schade. Was haben wir uns immer über das amerikanische politische System und den ganzen Wahlkampfzirkus amüsiert, bzw. aufgeregt, je nach Lust und Laune. Ein vollkommen auf Personen und nicht Inhalten basierender Wahlkampf, unterstützt von einem Zweiparteiensystem und der Direktwahl der Präsidenten durch die Wähler (wobei das ja auch nicht wirklich direkt war, sonst hätte Bush 2000 ja nicht gewonnen). Die Krönung waren jedes Mal die 3 TV-Duelle, in der die beiden Gegner nach strikt festgelegten Regeln in einer spektakulären Mischung aus Kindergarten und Sportveranstaltung stimmen fangen, indem sie gekonnt die Fragen des Publikums nicht beantworten. Und nun? Nun haben wir den Müll auch hier und können uns gar nicht mehr intellektuell überlegen fühlen. Viel schlimmer noch, wir haben gar kein Zweiparteien-System und auch keine Personenwahl. Was das ganze soll, und wer da versucht das gemeine Volk hereinzulegen, die großen Parteien, die Kandidaten selbst oder das Fernsehen, ist nicht ganz klar. Fest steht jedenfalls, dass das ganze keine Freude ist, und das heutzutage ohnehin schon unbrauchbare Fernsehprogramm nicht wirklich erweitert.

Es fing an mit den Duellen zwischen Schröder und so einem Bayern, bei denen das einzig unterhaltsame im Vorfeld war, wie der ausgeschlossene Westerwelle ständig auf- und abhüpfend „Ich will auch! Ich will auch!“ rief. Und nun gibt es die gleiche Tragödie bei der Landtagswahl NRW, und so debattierten gestern Steinbrück und Rüttgers nach genau festgelegten Regeln, damit die Wähler sich am Sonntag besser entscheiden können, wähle ich Rüttgers („welche Partei war der noch mal?“) oder Steinbrück? Oder eben Grüne, FDP oder PDS, die alle nichts sagen dürfen, was aber auch nicht weiter tragisch ist, es kostet sie bestimmt keine Stimmen, im Gegenteil. Wer nicht im Fernsehen auftreten darf, verbreitet auch nicht so viel Müll.

Und dann das mit den Zeitkonten, die zwischenzeitlich eingeblendet werden, um zu zeigen, welche der Kandidaten wie lange geredet hat – was soll das? Ist die Veranstaltung eine Gameshow? Aber wer hat dann gewonnen? Der Politiker, dre mehr redet, oder der, der weniger sagt? Man weiß es nicht, es ist sehr verwirrend. Dann könnte man das Duell doch eher, wie es zurzeit so in Mode ist, im Stil von „Wer wird Millionär?“ handhaben: Dem Politiker werden pro Frage vier mögliche Antworten zur Auswahl gegeben, und er wählt nur noch aus. Wenn es ihm schwer fällt, darf er das Publikum fragen, das ist dann echter Populismus.

Aber es ist wirklich eine Tragödie, die kleinen Parteien kommen zu kurz, und es wäre doch um ein vielfaches unterhaltsamer, wenn auch nicht wirklich informativer, wenn die im NRW-Wahlkampf teilnehmenden kleinen Parteien, wie z.B. „Aufbruch Mittelstand“ und „Die PARTEI – Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ mit debattieren dürften. Es wäre jedenfalls nicht schlechter, als der Mist, der sonst läuft, nämlich Handy-Klingelton-Werbung, Gerichtsshows, und Moderatoren, die auf Anrufe von Vollidioten warten, die sich die Finger wund wählen um bei 9.live durchzukommen, um eine Frage zu beantworten, die sie sowieso nicht beantworten können. Und eben genau dies wären die Fragen, die diese TV-Duelle interessanter machen würden, und die den Trend weg von der Inhalte- hin zur Köpfe-Wahl unverdeckt und ehrlich unterstützen würden: „Herr Rüttgers, Monikas Vater hat 5 Töchter: Lili, Lulu, Lele und Lolo. Wie heißt die fünfte Tochter?“, „Herr Steinbrück, jetzt kommt die Hot-Button-Runde, wie viele Fehler sehen Sie im Bild?“

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von "ui. der blog.", Außerdem "ui. der vlog." auf Youtube und diverse andere Projekte. Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott. G+

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