Suizid ist, wenn einer sich umbringt

Mein Artikel über den Suizid von Robert Enke entfachte in den Kommentaren große Diskussionen, die einen fanden den Artikel eine Frechheit, eine Unverschämtheit, andere fanden ihn genau richtig und wichtig. Nach anfänglichen wüsten Beschimpfungen von Fußballfans und anderen, gelang es, die Diskussionen zivil zu halten und es entwickelte sich eine anregendes, lehrreiches Gespräch mit auch selbst Betroffenen.

Eine dieser Betroffenen, selbst suizidal, nahm mit mir Kontakt auf und schilderte mir viele weitere Informationen. Weil jetzt durch Robert Enke Suizid und Depressionen ein Thema sind über das jeder eine Meinung hat, aber die wenigsten überhaupt das Wissen besitzen, um ihre Meinung zu begründen oder zu überdenken, habe ich sie gebeten, einen Gastartikel zu schreiben.

Ich finde den Artikel, auch wenn ich nicht in jedem Punkt übereinstimme, wichtig und spannend und absolut lesenswert. Nehmt Euch bitte die paar Minuten Zeit.

Gastartikel einer Suizidalen

Suizid ist, wenn einer sich umbringt

Dieses ist die Realität. Eine schlimme und folgenschwere Realität. Jedoch sind die Begriffe Suizid und Suizidalität nicht so einfach per Definition zu schildern, denn letztlich verbergen sich hinter diesen nackten Worten Menschen, Schicksale.

Ich bekomme die Gelegenheit, in diesem Blog Suizidalität von Seiten einer Suizidalen zu schildern, und zum einen bin ich dafür sehr dankbar, zum anderen hoffe ich, dass ich, insbesondere für andere Betroffene, diese komplexe Thematik näher bringen, erläutern, ja, vielleicht sogar etwas Verständnis hervorrufen kann.

Viele hier und anderweitig beginnen zu fragen, was sich wohl im Kopf eines Selbst“mörders“ abspielt. Die Silbe „mord“ lehne ich eigentlich ab, denn dieses kriminalisiert einen Suizidanten, und ich meine, so lange dieser Mensch keine anderen Menschen mit in den Tod reißt, begeht er keine kriminelle Tat. Es ist nicht leicht, so direkt an die Öffentlichkeit zu gehen vor dem Hintergrund der Befürchtung, dass eventuelle Beschimpfungen oder dergleichen hervorgerufen werden könnten. Jedoch gehe ich dieses Risiko gerne ein, nicht zuletzt um derer willen, welche wirklich ernsthaft wissen möchten, wie man denkt und fühlt, um anderer Suizidalen und um sowohl all der Hinterbliebenen als auch der Opfer willen. Mit Opfern meine ich Menschen wie die Lokführer, Fahrgäste oder Opfer von Geisterfahrern etc- Denn, auch wenn ich mich zum Suizid bekenne, ohne ihn heroisieren zu wollen, sehe ich durchaus ein, dass jeder, der mit erleben und jeder, der zurückbleiben muss, zum Opfer wird.

Ich selbst bin seit meiner Kindheit suizidal, beruhend auf Erlebnissen, welche ich niemandem wünsche, aber auch zurückzuführen auf unbeschreibliche Verlustängste. Suizidalität ist nicht ausschließlich als Phänomen von Depressionen zu verstehen, sondern ein sehr komplexes Thema. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, positiv überrascht, dass nun Suizid in den Medien nach Robert Enkes Suizid so intensiv behandelt wird. Viele haben sich vorgenommen, sich mit den Menschen, ihren Schicksalen und allem was hierzu führen kann oder bereits geführt hat, zu befassen, wollen helfen. Dieses finde ich sehr lobenswert, und ich hoffe, dass diese Vorsätze nicht im Sande verlaufen ähnlich denen nach Amokläufen, nach welchen eine Zeit lang über Waffenverbote diskutiert wird, aber irgendwann entsteht das große Schweigen. Leider.

Nach wie vor bin ich selbst suizidal, beschäftige mich jedoch damit nun auch mit anderen Menschen, selbst Betroffenen und weiß von den meisten, dass, wenn man einmal suizidal ist und einen oder mehrere Versuche hinter sich hat, es auch so bleibt, bis es irgendwann funktioniert. Gänzlich verschwinden diese Gedanken nicht. Bei mir liegt zwar ein anderes „Krankheitsbild“ vor als bei Robert Enke, aber diese Symptomatik geht auch mit teils massiven depressiven Phasen und somit immer wieder kehrenden Suizidgedanken einher. Ich habe es nicht ganz geschafft, davon wegzukommen, aber was mir persönlich hilft, ist mein Glaube, und es sind Menschen, die ganz neutral einfach zuhören, wertungsfrei, vorurteilsfrei. Noch bis vor kurzem dachte ich, solche Menschen gäbe es nicht. Es gibt sie aber, und hierfür muss man dankbar sein. Mittlerweile bin ich selbst eine Plattform am gründen, das heißt, ich werde mich mit dem Thema Suizid auseinander setzen, und möchte hierbei sowohl Suizidalen als auch Hinterbliebenen Gelegenheit geben, sich auszutauschen, um gegenseitig vielleicht ein wenig mehr Verständnis aufbringen zu können. Ich will dieses Tabuthema gründlich hinterfragen, Informationen, Zahlen, und, vor allem, Schicksale zusammentragen.

Vielleicht nicht unwichtig: Ich weiß auch selbst, wie es ist, Menschen durch Suizid zu verlieren, deshalb kann ich mich auch sehr gut in Hinterbliebene hineinversetzen. Es ist absolut grausam, wenn einem die Nachricht überbracht wird, dass jemand aus seinem Umfeld sich umgebracht hat. Ich verlor einen sehr guten Freund, der mir wie ein Bruder war, einen Schulkameraden, zwei weitere gute Freunde, zwei junge Menschen, zwei Bekannte und eine Großtante durch Suizid. Mir sind auch die Gedanken, die einem dann durch den Kopf schießen, nur allzu gut bekannt. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg und ich kenne auch die Schuldgefühle, welche in den Phasen der Trauer auftauchen. Es bleiben Menschen zurück, aber auch sehr viele Fragen. Somit sind mir beide Seiten sehr gut vertraut.

Viele hier im Blog fragen nun immer, wie Robert Enke sich wohl gefühlt haben, was sich in seinem Kopf abgespielt haben muss. Ich möchte nun versuchen, da ich selbst einige Parallelen feststellen musste, zu erklären, wie sich ein Mensch fühlt, der diesen Entschluss gefasst hat. Ich habe auch selbst meinen Tod über Monate geplant. Wie Robert Enke. Und als ich das von ihm las, dass er sich auch in seinem Abschiedsbrief noch entschuldigte, was ich ähnlich tat, stellte ich diese Parallelen fest. Es ist so, dass man einen Tunnelblick bekommt, nur noch weg will. Schnellstmöglich und endgültig. Natürlich wägt man ab, fragt sich innerlich „soll ich, soll ich nicht“, denn Suizid ist normalerweise keine Tat aus irgend einer kurzfristigen schlechten Laune heraus. Als ich dann die Entscheidung traf, kam der Gedanke, wie ich es tue. Ich entschied mich für eine Überdosis Tabletten, suchte mir explizit diverse Mittel aus, welche gegenseitig gewünschte Wechselwirkungen verursachen. Und dann besorgte ich mir nach und nach das, was ich brauchte. Als ich dann wusste, jetzt habe ich, was ich benötige, setzte ich mir meinen „Termin“, regelte sämtliche Angelegenheiten, inclusive Abschiedsbriefen, Abmeldung beim Finanzamt (ich war damals selbständig, bin es heute auch wieder), bei der Krankenkasse usw., bedacht Sonntagnacht per Fax, brachte das Haus und alles auf Vordermann, schrieb meine letztwillige Verfügung.

Es mag unglaublich, paradox oder – was ich mittlerweile auch verstehe – auf andere krank oder abartig wirken, aber man befindet sich in einer absolut depressiven Phase, ist so weit unten, innerlich total leer, empfindet keinerlei Freude mehr, kann nicht mehr lachen, aber sobald man diesen Entschluss gefasst hat, die Methode und Zeitpunkt gewählt hat, kommt man zu diesem Zeitpunkt in eine regelrechte Extase, ein unbeschreiblicher „Trip“ (ich will damit Suizid nicht etwa glorifizieren). Man löst sich innerlich von diesem Leben, weiß, dass man den nächsten Tag befreit ist von allem Leid und Druck. All dies will man nur noch abwerfen, sich davon befreien.

Gestern Abend sah ich im TV einen Bericht, in welchem von einer Psychologin berichtet wurde, welche Frauen, deren Ehemänner sich umgebracht haben, betreut. Sie selbst erzählte von Menschen, bei denen der Suizid fehlschlug, dass diese in ihren letzten Minuten eine absolute innere Ruhe überkam, Frieden, keine Todesangst. Diese Frage quälte die hinterbliebenen Frauen immer wieder und aufgrund dessen wurde dieses von besagter Psychologin hinterfragt. Und ich kann dieses als Suizidant nur bestätigen.

Mir wäre es, vor allem für alle anderen suizidalen Menschen und insbesondere Jugendliche, wichtig, anderen zu vermitteln, dass es ein fataler Fehler ist, zu denken, dass diejenigen, welche darüber reden, es nicht tun werden oder würden. Davon ging man einige Jahre aus, dieses ist jedoch, zu Recht, längst überholt. Und es ist auch falsch, einen misslungenen Suizid als einen reinen Hilferuf abzutun, denn die meisten werden es wieder tun, so oft, bis es gelingt. Bei mir ging es mehrmals schief. Es sind viele Faktoren, welche zusammenwirken und zu denken, es sei das einfachste der Welt, sich umzubringen, der irrt schlichtweg. Mein ehemaliger Therapeut erzählte mir einmal von einem Patienten, der sich auf die Gleise gelegt hatte. Ihm wurden beide Arme und beide Beine abgefahren. Er überlebte, kam für Monate in die Psychiatrie. Die Ärzte und das Behandlungspersonal gingen nach langer Zeit davon aus, er sei psychisch nun stabil. Er gab dieses auch vor. An dem Tag, an dem er entlassen wurde, stürzte er sich von einer Brücke, und dieses mal gab es keine Rettung mehr. Es ist also falsch, nach Äußerlichkeiten zu gehen. Ich wirke auch „tough“, wie manche mir oft bestätigen und die sagten, sie hätten „das“ jedem zugetraut, nicht aber mir. Natürlich, ich kann andere immer aufheitern, lasse ad hoc die dämlichsten ironischen oder sarkastischen Sprüche los, welche andere zum Lachen bringen. Doch innerlich? Da sieht es ganz anders aus. Zerrissen, abgründig. Stets diese endzeitlichen Gedanken vor Augen. Der ständige Klassenclown – irgendwann hat man diese Rolle so was von satt. Immer nur die Erwartungen anderer erfüllen, alles über sich ergehen lassen. Leistung bringen, Stärke zeigen. Aber darf ein Mensch nicht auch Zeiten der Schwäche aufweisen? Um es vom christlichen zu betrachten, weil sich hier mehrmals auf den Glauben bezogen wurde: Selbst Jesus betete am Tag vor seinem Tod, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Auch er hatte Angst, war verzweifelt und in diesen Momenten schwach. Er war ein Mensch, und der Mensch ist nun einmal mit Emotionen ausgestattet, und hierzu zählen auch Stärke und Schwäche.

Niemand sollte meinen, dass man hiermit üble Spielchen treibt. Das mag es natürlich auch geben. Aber es ist kein Spiel. Ich weiß nicht, ob sich jemand auch nur annähernd vorstellen kann, wie es ist, sich selbst abgrundtief zu hassen, wie es ist, sogar ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man etwas für in zwei oder drei Monaten plant, denn dann kommt das Unterbewusstsein zum Vorschein und suggeriert dir „was planst du noch, da wolltest du doch längst tot sein…“ Suizidal zu sein, beruhend worauf nun auch immer, ist nicht „schick“, man selbst findet sich damit nicht etwa interessant.

Ihr könnt diesen Menschen helfen. Die größte Hilfe wäre endlich eine Enttabuisierung und weg von diesem ständigen Stigmatisieren von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ich nehme immer einen krassen Vergleich: Missbraucht einer Kinder, dann wird sich mehr und intensiver mit seiner möglicherweise schlimmen eigenen Kindheit befasst als mit dem Opfer, nicht selten entsteht dann für den Täter gar Mitleid. Entstehen bei einem Menschen, einem Opfer jener Erstgenannten, jedoch später psychische Erkrankungen, welchen sehr viele Ursachen zugrunde liegen, wird man in der Tat gesellschaftlich immer noch so ziemlich als das Unterste, was es gibt, abgetan, abgestempelt und diskriminiert. Und genau hierin sehe ich selbst die Reaktion von Robert Enke eben aufgrund der Reaktionen unserer Gesellschaft, oder zumindest, da ich hier nicht den Fehler der Pauschalisierung begehen möchte, großer Teile davon, dahingehend, dass er sich dessen bewusst war und anstatt darüber sprechen zu können, dieses mit sich abmachte, nur ja nicht damit an die Öffentlichkeit zu gehen und letztendlich, so zumindest meine Interpretation, lagen hier auch seine Befürchtungen und Ängste, welche er dann nur mit diesem gewählten Weg beenden konnte. Dieses sehe ich zumindest auch so, als ich las und hörte, dass er furchtbare Ängste ausgestanden haben muss, dass ihm möglicherweise sein adoptiertes Kind weggenommen werden könnte, weil er an Depressionen litt. Kann es das denn sein? Sind „wir“ schlechtere Menschen, so lange wir niemand anderem etwas tun, sondern einfach die Gedanken- und Gefühlswelt nun einmal anders ist als bei anderen? Zumeist tiefgründiger, viel weiter unten als an der Oberfläche. Vielleicht liegt ja auch hier u.a. das Problem im Umgang mit solchen Menschen.

Unser Pfarrer sagte einmal in einem Gesprächskreis, dass die schlimmsten Beisetzungen für ihn jene seien, welchen ein Suizid vorangegangen sei. Gut und schön. Jedoch, auch wenn ich vor einem Geistlichen Respekt und insbesondere ihm als Mensch einiges zu verdanken habe, eine oberflächliche Aussage. Denn: wer kann denn schon offen über seine Suizidgedanken reden? Ich habe damals sowohl in „meinem“ Suizidforum als auch auf meiner Abschiedshomepage mehrmals geäußert, dass es, könnte man endlich wertungs- und vorurteilsfrei darüber sprechen, viele Warums, welche hinterher auftauchen und zu spät kommen, nicht nötig wären, würden Menschen vorher nach diesem Warum gefragt…

Noch ein paar Worte zu den Suizidforen: Ja, es gab sie, jene mit den so genannten Methodendiskussionen. Ich kann verstehen, dass Hinterbliebene diese Medien, in welchen sich ihre Lieben aufgehalten haben, ablehnen, teilweise sogar hassen. Sie sehen es aus einer anderen Perspektive, stehen unter Schock, trauern, befinden sich in einem Gefühlschaos. Aber: insbesondere in Suizidforen mit Standort Deutschland sind Methodendiskussionen definitiv untersagt. In einem derer, welche ich kenne, hat u.a. ein Polizeibeamter Adminfunktion. Wer dort aussagekräftig seinen Suizid ankündigt, wird gemeldet. Die Anschrift ist leicht über die IP zu ermitteln. Das ist auch richtig so. Ich selbst als so genannte Suizidale würde nicht anders handeln. Man sollte, bevor man sich über eine Materie, Menschen, ein Medium, ohne die geringsten Kenntnisse zu haben, urteilen will, sich einmal einloggen und einen Beitrag posten, dass man sich umbringen will oder die Frage stellen „Wie bringe ich mich am besten um“. Es werden mit Sicherheit zunächst Antworten kommen, warum der/diejenige dieses tun will und dass es andere Wege aus der Krise gibt. Möge es sich für Außenstehende auch anders darstellen. Mich selbst wundert es nicht im geringsten, dass betroffene Menschen genau dort zusammenfinden, unter Gleichgesinnten. Wäre „es“ nicht das Tabuthema schlechthin, würden Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht immer und weiterhin diskriminiert und stigmatisiert, wären solche Foren überflüssig.
Nochmals möchte ich betonen, dass ich mich persönlich von Suizidmethoden distanziere, mit welchen ich andere Menschen tangieren oder gar schädigen könnte. Und man mag es mir nun glauben oder nicht, eine Großzahl meinesgleichen distanziert sich hiervon. Ich möchte damit Robert Enke in keinster Weise verurteilen. So, wie er mir durch diverse Berichterstattungen in den unterschiedlichsten Medien vermittelt wurde, war er ein sehr sensibler Mensch, der sich für Kinder und Tiere engagierte. Und ich denke, dass er in einer derart depressiven Phase, verzweifelt und hoffnungslos war, dass er unter Umständen gar nicht mehr bedacht hat, dass auf diese Art und Weise andere Menschen, wie der Lokführer und die Fahrgäste, ein Trauma erleben würden. Rechtfertigen oder legitimieren will und werde ich es auch nicht, und mein Mitleid gilt eben allen Betroffenen, die dieses miterleben mussten und ich wünsche ihnen alle erdenkliche Kraft und Hilfe, dieses Trauma irgendwann und irgendwie zu überwinden.

Nun fragen auch viele „wie konnte er das seiner Familie antun? und „hat er nicht an sie gedacht?“ Ich denke schon, dass er an sie gedacht hat. Nur es ist so, dass diese Endphase kommt, in welcher man sich selbst nicht mehr ertragen kann, dieses steigert sich, ob man will oder nicht, und den Abschluss bilden dann womöglich Gedanken wie „wenn ich mir selbst unerträglich bin, dann bin ich dieses auch für andere.“ Also fasst man seinen Entschluss auch dahingehend auf, dass man eben andere von sich erlöst. Denn, auch dieses ist mir mittlerweile bewusst, das direkte Umfeld psychisch belasteter Menschen hat es alles andere als einfach.

Es gibt Suizidprävention, Kompetenznetze und vieles mehr. Hilfreich wäre eine endgültige Enttabuisierung des Themas Tod und Suizid, und eine endgültige Entstigmatisierung psychisch Kranker. Denn mit Einsperren zum so genannten Selbstschutz ist es nicht getan. Damit ist niemandem geholfen, im Gegenteil. Sich mit dem Einzelnen zu befassen, befassen zu wollen, ihn ernst zu nehmen, das Gespräch über den Tod und vielleicht auch Suizid zuzulassen und sich damit auseinander zu setzen statt in Unkenntnis zu verurteilen, dieses wären Hilfen, wären erste gute und mit Sicherheit beste Ansätze. Und wenn hierdurch ein einziger Mensch abgehalten und dem Leben wieder zugeführt werden könnte, für diesen einzigen lohnt sich alles zu tun.

Im übrigen: mich fragte damals jemand nach Tabletten, als ich ihn in einem privaten Chatroom erzählte, dass ich nun alles hätte, was ich brauche. Aber keine Macht der Welt hätte mich dazu gebracht, mich am Suizid eines anderen zu beteiligen. Dieses wäre eine Schuld gewesen, die ich nicht hätte auf mich laden wollen. Und da ich nun dieses und andere Male leider überlebt habe, müsste ich heute diese Schuld mit mir herum tragen.

Befasst euch mit den Menschen, versucht, ihre Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen. Ich weiß, dass dieses nicht einfach ist. Abtun ist falsch, ebenso dieses über einen anderen richten. Ich war immer ein sehr humorvoller Mensch, kann es phasenweise auch wieder sein, bin in keinster Weise launisch. Nur damals eben, in meinen letzten Wochen (wie ich ja fälschlicherweise dachte), konnte ich nicht ständig Witze reißen und bekam unter anderem von meiner eigenen Mutter zu hören, ihr verginge bei meinem Anblick der Appetit, oder ich erhielt dann auf meine Aussage, dass sie bald von diesem Anblick befreit sein würde, sehr oft zu hören: „Weg mit Schaden“. War das hilfreich? Für den, der anders tickt als ich, sicher nicht. Für mich schon, denn hiermit häuften und verstärkten sich die Gründe, diesen Schritt zu gehen, immer wieder ein wenig mehr der Legitimation. Und je mehr über einen geurteilt wird, man sei feige, man sei egoistisch und je mehr man gesellschaftlich ausgegrenzt und den Stempel der oder des „Irren“ aufgedrückt bekommt, um so mehr Gründe und Rechtfertigungen sammelt man innerlich, spürt, dass solche Menschen von vielen nicht akzeptiert werden, fühlt sich als Abschaum.

Eines habe ich nun ebenfalls schon oft beobachtet: Schaut euch einmal Filme oder Serien an, in welchen, ob hauptsächlich oder nebenbei, Szenen in einer Psychiatrie vorkommen. Die Menschen dort werden immer als völlig gaga dargestellt, schauen entweder nur nach rechts oder links, halten einen Teddy oder eine Puppe im Arm, reden wirres Zeug oder singen Kinderlieder, können sich nicht artikulieren. Auch dieses halte ich bereits für ein massives Vorurteil und dem Zuschauer wird hiermit unweigerlich vermittelt, dass alle dort stationär Behandelten definitiv im Höchstmaß verblödet sind. Welches andere Bild sollte bei dieser Grundpauschalisierung denn auch sonst entstehen? Die Macher solcher Filme und Filmchen sollten einmal eine Psychiatrie aufsuchen. Dann würden sie zum einen sehen, dass es dort tatsächlich Menschen gibt, mit denen man sich stinknormal unterhalten kann. Sie würden jedoch auch sehen, wie in solchen Einrichtungen mit Menschen umgegangen wird. Vielleicht wäre es eine Anregung, einmal eine „echte“ Doku zu drehen und zu senden. Ich selbst werde oft ausgegrenzt, werde als „Bekloppte“ hingestellt. Und dieses rein auf der Tatsache beruhend, dass ich mich mit dem Thema Tod befasse, keine Angst davor habe, weil er als Abschluss des Lebens zu jedem Einzelnen gehört, ob man will oder nicht. Ich bin bekloppt, weil ich keine Lebensfreude empfinde. Aber was sind diejenigen, welche sie mir genommen haben? Und dieses geht verdammt vielen Menschen so. Und weil wir eben nicht hoffnungslos verrückt sind, sondern mit der Zeit ein sehr gutes Feingefühl entwickeln, ziehen wir uns zurück, bleiben entweder allein oder unter Gleichgesinnten. Damit beginnt dieser Kreislauf unaufhaltsam.

Es beginnt tatsächlich mit dem Rückzug. Robert Enke hätte niemand aufhalten können. Mich konnte auch niemand aufhalten, auch nicht ein Kontakt, der mich damals mit aller Mühe von meinem Vorhaben abbringen wollte. Sowohl ihm als auch der Polizei und einer Polizeipsychologin, welche mich zuhause aufsuchten und sage und schreibe fünf Stunden durch die Mangel drehten, konnte ich glaubhaft machen, dass ich alles tun würde, aber nicht den geringsten Gedanken an Suizid hätte. Sie glaubten mir und gingen. Zwei Tage später zog ich mein Ding durch. Einer der beiden Polizeibeamten war auch zu diesem Einsatz. Ich habe von alledem nichts mitbekommen, mir wurde es nur später erzählt. Er war erschüttert, rief auch ein paarmal zuhause an und äußerte sich fassungslos gegenüber meiner Mutter, dass er es nicht glauben könne, dass ich ihn, seinen Kollegen, die Psychologin und meine Mutter derart hinters Licht führen konnte. Robert Enke täuschte auch nach außen hin vor, dass es ihm besser ginge, dass er stabil sei. Heute ist mir bewusst, dass ich diesen Menschen damit gewiss auch indirekten Schaden zugefügt haben muss. Mittlerweile kann ich auch verstehen, warum meine Mutter, nachdem ich entlassen war, wenn ich unterwegs gewesen bin, alle paar Minuten auf dem Handy anrief. Für mich war es der reinste Psychoterror, ständige Kontrolle. Bevor sie im Jahr 2007 verstarb, beichtete sie mir, dass die Gründe, die sie für ihre Anrufe angab, vorgegaukelt waren und dass sie nichts als ständige Angst hatte, ich könnte es wieder tun, zumal ich keinerlei Hehl daraus machte und mache, dass ich mich mit diesem Leben nicht unbedingt anfreunden kann. Alles hat jedoch seine Gründe. Inzwischen kann ich ihr Verhalten, ihre Ängste auch durchaus nachvollziehen. Auch mein Umfeld, Nachbarn, Freunde machen sich Sorgen, wenn ich nicht erreichbar bin. Hat mich dieses vor ein, zwei Jahren noch wahnsinnig genervt, kann ich es heute ebenfalls verstehen, denn umgekehrt geht es mir nicht anders, wenn ich meine Freundin zwei Tage lang nicht erreiche.

Ich bin Christ, vor zwei Jahren wieder in die Kirche eingetreten und konvertiert. Aber dennoch, auch als Christ, bin ich suizidal, und ich bin damit in meiner Gemeinde nicht alleine. Nur darüber reden – nope. Hinter vorgehaltener Hand ja. Aber nur ja nicht offiziell, denn dann wären gesellschaftlicher Status und Ansehen in der Gemeinde hinüber. Mir persönlich ist dieses jedoch egal, ich stehe inzwischen dazu, zu meiner „Lebensabneigung“. Die wenigsten verstehen es, aber die wenigen, welche versuchen zu verstehen und zuhören, sie sind es, die helfen und einige von ihnen haben mich hierdurch zum Nachdenken angeregt, zum Andersdenken. Es ist nicht so, dass man nur an sich denkt. Im Gegenteil. Dieses wird immer wieder falsch vermittelt. Meine eigene Mutter bezeichnete mich als feige. Es war ihre Meinung, welche ich auch akzeptiert habe. Erst, als sie sich mit Suizid nach einer Fernsehsendung beschäftigte, revidierte sie ihre Ansicht, begann, mir Fragen zu stellen.

Es wäre die beste Suizidprävention, wenn nun endlich wirklich Suizidaliät und Suizid intensiver hinterfragt würden. Per Definition oder nach Punkteschemata kann man m.E. den Einzelnen nicht festmachen, nicht in ein Schema drängen, denn jeder ist anders. Ich persönlich vermisse auch seitens der Fachleute oft einfache Empathie, die Fähigkeit und den Willen, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, zu versuchen, seine Gedanken und Gefühle zu verstehen, auf ihn einzugehen. Denn wenn der Anspruch an Suizidale erhoben wird, auf andere Rücksicht zu nehmen, was ich durchaus als legitim sehe, warum dürfen wir dann umgekehrt nicht auch den Anspruch auf Verständnis oder zumindest das Verstehen wollen erheben?

Reden. Miteinander reden und darüber reden. Signale erkennen. Es gibt sehr viele Seiten im Internet und Anlaufstellen. Wenn jemand bemerkt, dass ein Angehöriger oder Freund sich plötzlich anders verhält, sich zurückzieht, dann sollte er sich nicht abwimmeln lassen, denn gerade der Rückzug ist oft der Anfang vom Ende. Sicher wird man kaum jeden Menschen, der seinen Entschluss gefasst hat, davon abbringen können. Robert Enkes Frau konnte es nicht, trotz aller Liebe und allem Verständnis. Ich bin jedoch der Meinung, dass es mit Sicherheit viele gibt, die von diesem Schritt abgehalten werden könnten und auch gerne davon abgehalten würden, wenn sie wüssten und wenn ihnen gesagt würde, dass sie für andere wichtig sind und dass diese Menschen sie nicht verlieren wollen.

Würde endlich eine Enttabuisierung, oder zumindest eine weitgehende, stattfinden, gäbe es weniger Suizide, davon bin ich persönlich überzeugt. Und letztlich gäbe es hierdurch auch weniger Opfer wie Hinterbliebene und unschuldig Beteiligte, es würde vielen potenziellen Opfern Leid erspart, und ich meine, sie alle sind es wert.

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Über ui.

Manuel Wolff ist der Autor von „ui. der blog.“, Außerdem „ui. der vlog.“ auf Youtube und diverse andere Projekte.

Hauptberuflich Stand Up Comedian und Musikkabarettist und Improgott.

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38 Gedanken zu „Suizid ist, wenn einer sich umbringt

  1. Danke für den Artikel. Wie kann ich als Unbetroffener helfen, außer in meinem Umfeld achtzugeben und auf die Leute zu hören?
    Wenn Du eine Plattform für Betroffene und Hinterbliebene aufmachst, wäre es nicht auch eine Möglichkeit die Kommunikation nach außen, zu „uns“ Unbetroffenen zu bedenken? Ich glaube trotz aller gegenteiliger Erfahrungen „Eurerseits“ gibt es viele Menschen, die Empathie haben, die zuhören wollen, die aber einfach nicht sehen, weil sie es nicht verstehen, weil ihnen niemand etwas sagt.

    Wie durchbricht man als Einzelner das Tabu?

  2. Danke für diesen Beitrag, der spricht mir aus der Seele und wenn du für die Plattform in irgendeiner Form Unterstützung brauchst würde ich dir gerne meine Hilfe anbieten.

    Und danke an ui, dass er diesen Gastbeitrag hier hat erscheinen lassen.

  3. Mit Absprache mit Manuel werde ich Kommentare unter diesem Namen posten. Eines Tages werde ich nicht mehr anonym sein (können), spätestens dann, wenn ich die angekündigte Plattform endlich zugänglich machen kann, aber da ich hierfür noch ein wenig Zeit benötige, hätte ich diese anonomye Schonfrist gerne und hoffe, dass Ihr das versteht.

    Zunächst möchte ich mich für das Lesen und die Kommentare bedanken.

    @creezy
    Ich sehe es immer noch anders, dass es immer wieder misslungen ist, obwohl ernst gemeint und kein Hilferuf, denn um Hilfe frage ich nicht und kann diese, in dieser Hinsicht, dementsprechend schwer annehmen. Aber gut, einiges sehe ich auch als Zeichen.

    @bundesbedenkentraeger
    Du hilfst schon indirekt, indem du fragst und nicht vorab richtest, indem du ernsthaftes Interesse zeigst. Achtgeben und zuhören sind den meisten eine sehr große Hilfe. Auch wenn ich ein mancher anfangs sperrt, sobald man Vertrauen fassen kann, spürt, dass es jemand ehrlich meint, kann man einen Zugang finden. Meine Plattform wird ja für Hinterbliebene, Betroffene, aber genau so auch für Menschen, die sich für beide interessieren und sich intensiv über diese Problematik informieren wollen, sein. Ich will damit alle ansprechen und möglichst viele Menschen erreichen.

    „Ich glaube trotz aller gegenteiliger Erfahrungen “Eurerseits” gibt es viele Menschen, die Empathie haben, die zuhören wollen, die aber einfach nicht sehen, weil sie es nicht verstehen, weil ihnen niemand etwas sagt.“

    Da gebe ich dir völlig Recht. Ich dachte dieses bis vor einer Zeit auch, war da ehrlich gesagt festgefahren. Mittlerweile weiß ich, durfte selbst erfahren, dass es wirklich Menschen gibt, die zumindest versuchen zu verstehen.

    „Wie durchbricht man als Einzelner das Tabu?“
    Du kannst dieses Tabu durchbrechen, wenn du jemanden kennst und vermutest, dass er suizidgefährdet ist, indem du ihn darauf ansprichst. Es kommt natürlich hierbei wiederum auf den Einzelnen an, du solltest versuchen, dich vielleicht diesem Menschen ein wenig anzunähern, wenn du dir sicher bist, dass du ihn direkt darauf ansprechen kannst, dann tu es. Und wenn er von sich solche, ähnliche oder auch indirekte Gedanken äußert, ist es falsch, diese abzutun. Hier wäre m.E. richtig, darauf einzugehen, zu hinterfragen, zu vermitteln, dass du solche Äußerungen nicht als Blödsinn oder Quatsch abtust, sondern ihn ernstnimmst. Vermittle ihm, dass er dir wichtig ist, dass du ihn nicht so ohne weiteres würdest gehen lassen. Bei vielen ist es ja gerade der Gedanke, welcher nicht zuletzt oder nicht selten durch die gesellschaftlichen Reaktionen entsteht, dass man sowieso jedem egal ist, und es dann auch egal ist, wenn man geht, weil es eh niemanden interessiert, geschweige denn auch nur im geringsten tangieren würde. Ich bin der Meinung, dass sehr viele, würden ihnen diese Gedanken und Gefühle widerlegt, ihr eventuelles Vorhaben selbst hinterfragen, eventuell sogar revidieren würden.

    Durchbrich das Tabu, indem du Gedanken und Worte über Suizid zulässt, wertfrei, einfach zuhörst. Zugang kann man, so mein Empfinden, zu den meisten finden, wenn sie merken, ihr Gegenüber urteilt nicht, sondern versteht, oder versucht es.

    @gnafu
    ui. bin ich auch sehr dankbar, dass dieser Beitrag zugelassen wurde. Selbst wenn er, wie er selbst in seinem Intro schreibt, nicht in allen Punkten übereinstimmt. Aber um so mehr weiß ich es zu schätzen. Und ich sehe es selbst als gut, dass nicht jeder in jedem Punkt übereinstimmt, denn genau dieses sind Ansätze für Diskussionen und letztendlich – alle Seiten betreffend – sehr gute Ansätze zum Nach- und vielleicht auch Umdenken.

    Ich werde sehr gerne deine Hilfe in Anspruch nehmen und danke dir für das Angebot der Unterstützung. Denn ich will nicht einfach einen Blog einrichten, sondern einiges mehr, habe auch ein grobes „Gerüst“ bereits aufgestellt, nur es wird sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und zudem bin ich leider kein Webseitenprofi und, obwohl ich inzwischen beruflich u.a. schreibe und auch über SEO & Co. sehr viel geschrieben habe, kein Suchmaschinenprofi. Finde es jedoch sehr wichtig, dass diese Plattform auch gefunden wird. Ich werde auch einige andere Seitenbetreiber, selbstverständlich nur mit Einverständnis, mit einbeziehen, verlinken. Dieses sind teilweise Anlaufstellen, teilweise Foren, in welchen psychisch Erkrankte insbesondere bei Krisen sogar von Experten Unterstützung erfahren.

    Ich habe auch eben deinen Artikel auf deinem Blog gelesen und finde diesen sehr aussagekräftig. Diese Erfahrungen sind nicht nur einer der Horrortipps schlechthin, welche einem widerfahren können, sondern prägnant, zerstörend. Die genannten Täter bezeichne ich gerne als „Seelenfresser“.

  4. @Autorin des Artikels:

    Seelenfresser ist eine gute Bezeichnung für eben diese Menschen, wobei mehr als nur die Seele eines Menschen dabei zerstört wird, aber das würde nun eher den Rahmen sprengen hier.

    Mein Hilfsangebot war auch ernst gemeint, da du ja mein Blog nun auch gefunden hast kannst du mich entweder darüber kontaktieren, wenn ich gebraucht werde oder aber über die dort auch angegebenen Kontaktmöglichkeiten.

  5. Grandioser Artikel, vielen Dank für diese Einblicke und die offenen Worte.
    Was die Gesellschaft dir nun quasi verbietet, und da hoffe ich auf Zuspruch, ist das du gehst.
    Warum? Weil du viel zu geben hast und viel mehr dafür zurückbekommen wirst.

    Das mit der Community ist eine großartige Idee. Es wäre ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung.
    Gern würde ich hier meine Geschichte niederschreiben, sie ist vom Verlauf her holprig und ich war dort. Ganz unten.
    Ich meine damit nicht nur solche Dinge, die man offensichtlich sieht, wie finanzielle Armut, extremster Gewichtsverlust und andere körperliche Gebrechen die damit einhergehen,
    verlust des gesellschaftlichen Status`, falscher Freunde etc. Ich meine damit den Velust von allem, was das Leben ausmacht.
    Liebe (vor allem zu sich selbst), Akzeptanz, Spaß, Gelassenheit, innerer Zufriedenheit und Ausgeglichenheit etc.
    Ich persönlich habe es geschafft. Durch Menschen denen es ebenso ergangen ist, durch Entwicklung meiner Persönlichkeit, Fleiß und wiedergefundenem Ehrgeiz, und führe nun ein Leben,
    von dem viele einach nur Träumen, jedoch annähernd wissen das es möglich ist. Ich selbst hatte gar keinen Bezug dazu, durfte nicht einmal davon träumen, um so mehr genieße ich mein Glück auf Erden jetzt,
    aber darum soll es hier nicht gehen.

    Es war also eine Community, die ein weltweites Netz gesponnen hat, wo man anonym und offen über seine Probleme sprechen konnte. Wo Menschen kritisieren, beraten, helfen, Denkanstöße geben etc. und
    das alles um zu geben. Um Menschen, die wie ich damals, unten sind einfach mögliche Wege zu zeigen. Wer kann das besser als jemand der schon dort war. Es sind Menschen, die nun wieder Werte in ihrem
    Leben haben, egal welcher Natur und davon einfach etwas zurückgeben wollen. Sie sind allesamt über den Punkt hinweg, das für Anerkennung zu tun, für das Beweihräuchern lassen, für materielle Werte.
    Und noch was, wenn diese Community offen gehalten wird, werden auch andere Menschen kommen, die etwas zu geben haben, denn es gibt sie. Es gibt Menschen die es kümmert wie es dir, mir, uns geht.
    Menschen aus verschiedensten Bereichen, NLP, Psychologie, Hypnose, Wissenschaft, um nur einige zu nennen. Diese Kraft haben wir im Netz, und wir sollten sie nutzen.
    Allein der Einblick, den du uns hier zur Verfügung gestellt hast kann, wenn von genug Betroffenen zur Kenntnis genommen, helfen. Helfen zu sensibilisieren, genauer hinzuschauen, selbst nicht in eben
    diese Muster zu verfallen und und und. Es hat einen Mehrwert. Du hast ihn, und du gibst, was unweigerlich dazu führen wird, dass du auch bekommst! Das was du vielleicht lange schon suchst, weil jeder sucht!

    Sollte jemand in meinem Text irgendwelche Vorurteile gegen den Menschen der den Text verfasst hat finden oder gegen seine Situation, so möchte ich hiermit klarstellen das ich diese nicht habe.
    Ich respektiere aus meinem tiefsten Inneren, wenn jemand entscheidet zu gehen. Jeder Mensch hat die vollkommen freie Entscheidung(smacht) über seine Welt, seine Realität und sein Leben. Selbst wenn es der Freitod ist.
    Ich würde es stets zu 100% respektieren ohne es feige zu finden, wie es ein Großteil der Gesellschaft gern darstellt. Man muss dazu verstehen, das auch dies aus Egoismus und Besitzansprüchen geschieht.
    Schade ist es dennoch. Um jeden Einzelnen. Warum? Weil das Leben ein großartiges Geschenk ist oder sein kann, wenn man sich ersteinmal von einigen Fesseln gelöst hat. Und ich wünsche wirklich jedem ein solches Leben.

  6. Sehr interessanter Artikel.
    Wieso „…Und da ich nun dieses und andere Male leider überlebt habe…“ ? Und wieso kehrt die Freude am Leben nicht zurück?

  7. @Nico
    Es ist nur ein kleiner Teil meiner Welt, meiner Gedanken- und emotionalen Welt, welche ich hier zum besten gab. Meine Welt ist, wenngleich dieses, wenn ich schreibe, auch anders darstellt, zerrissen, geprägt von Selbsthass, Selbstzweifeln, einer unbeschreiblichen Todessehnsucht und immer wieder kehrenden Suizidgedanken. Ich will sie nicht. Niemand will so etwas. Aber sie kommen eben.

    @Flamers
    Ich würde sehr gerne gehen. Mit so etwas mache ich auch keinen Spaß, und es würde mir genauso nicht in den Sinn kommen, Suiziddrohungen als Druckmittel zu benutzen. Natürlich gibt es so etwas auch, ich habe es ja selbst über viele Jahre lang erlebt.

    Ich würde mich sehr über Beteiligung freuen und wenn du und andere dort ihre Geschichte niederschreiben würden. Damit andere sehen, dass hinter dem Ausdruck „Selbstmord“ noch viel mehr steht. Jeder hat sein eigenes Schicksal, und jeder geht anders damit um. Der eine kann es irgendwann ertragen, der andere irgendwann eben nicht mehr. Und jedem Suizid liegen individuell unterschiedliche Beweggründe zugrunde. Die nach außen sichtbaren Dinge sind nicht immer allein, wenn überhaupt, Ausdruck auf das Wohlbefinden eines Menschen. Natürlich, nach dem Tod meiner Mutter nahm ich rapide ab, und tue es immer noch, seit über zwei Jahren. Das sieht man. Diese Äußerlichkeiten. Das, was sich innen abspielt, das eigene „Kopfkino“, das sieht niemand. Manches denke ich, ist auch besser, nicht von anderen gesehen zu werden, denn oft sind die Gedanken zu abgründig.

    Was du alles schreibst, was du geschafft hast, das gönne ich dir von ganzem Herzen und hoffe, dass dieses auch immer so bleiben wird.

    Die Erfahrung machte ich auch: dass sich Menschen, welche im selben Boot sitzen, gegenseitig weitaus besser helfen können als andere, die meinen, ihre auf Punkteschemata und Dogmen und dergleichen beruhenden Interventionen vielleicht in Form von Wegsperren oder ständigem Zudröhnen mit Medikamenten, seien hilfreich. Das sind sie nicht. Hilfreich ist Verstehen. Es muss niemand akzeptieren, das zu verlangen, wäre zu viel.

    Wer seinen eigenen Abgrund kennt, der kennt auch die Abgründe anderer.

    Sensibilisierung, genauer Hinschauen, sich mit Einzelschicksalen auseinanderzusetzen, etwas für alle zu schaffen, seien sie nun selbst Betroffen, oder haben auf diese Art einen Menschen verloren oder seien es Menschen, die sich noch für ihren Nächsten interessieren, daraus lernen und vielleicht irgendwann jemanden daran hindern können, dieses sind meine Ziele. Vielleicht kann ich sie noch erreichen, vielleicht auch nicht, vielleicht nicht alle, vielleicht nur eines. Aber eines ist letztlich besser als keines.

    Ich denke auch, dass viele Vorurteile aus Besitzansprüchen und eigenem Egoismus hervorgehen. Meine Mutter warf mir lediglich vor, wie ich ihr das antun konnte. Nach den Gründen fragte sie. Mein genetisch bedingter Bruder bezeichnete mich als eine Irre. Paradox hierbei ist, dass zum größten Teil die beiden es waren, welche mich so weit trieben. Es war das Schlimmste, was ich ihnen antun konnte, denn auf einmal war der stets präsente Daueridiot einmal „out of order“, funktionierte nicht, konnte nicht gerufen werden, wenn Hilfe benötigt wurde,und das war täglich so. Die beiden verband in den letzten Jahren nichts als eine Hassliebe. Mein Bruder hätte meine Mutter nie versorgt, sich nie um sie gekümmert, erhob umgekehrt jedoch jegliche Ansprüche. Merkwürdigerweise hielt man jedoch stets zusammen, wenn man gegen mich agieren konnte. Ich schreibe das nicht etwa, weil ich auf Mitleid hoffe und ich empfinde selbst keinerlei Selbstmitleid, sondern in der Hauptsache Schuldgefühle. Diese Entwicklung hat sich im Laufe der Jahre einfach so automatisiert. Ich gebe mir die Schuld an dem, was geschehen ist, denke, dass, wenn es mich nie gegeben hätte, diese Dinge niemals stattgefunden hätten und aus besagtem Menschen etwas anderes geworden wäre.

    @Flo
    Ich kann es leider noch nicht anders sehen, ich bin nicht dankbar dafür, dass man mich „gerettet“ hat und dass anderes scheiterte. Um deine Frage zu beantworten: Wie kann Freude am Leben zurückkehren, wenn sie noch nie da war?

    Ich habe mir gerade eine neue Existenz aufgebaut. Meine Arbeit besteht aus zwei unterschiedlichen Gebieten. Hierbei sind Bewertungen/Einstufungen sehr wichtig, und natürlich, über eine Kundenbewertung wie „super“ und mehr kann ich mich tatsächlich noch freuen, dieses sind Augeblicke, wo ich denke, vielleicht kann man doch etwas Vernünftiges, zumal mir meine damalige selbständige Arbeit stets ins Lächerliche gezogen wurde.

    Meine Tiere machen mir Freude, und sie sind es, die ich nicht im Stich lassen will. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass mir damals meine beiden Hunde und mein Kater ins Tierheim gebracht wurden. Meine Katze wurde eingeschläfert, ein Hund wurde vermittelt. Es war reine Bosheit, denn wir haben ein Haus mit Garten, es wäre also niemand überfordert gewesen, für einen Zeitraum von insgesamt acht Wochen, zwei kleine Hunde ein paarmal am Tag in den Garten zu lassen und sie zu füttern. Mein Kater war sowieso Freigänger. Meine Mutter wusste, dass mein Tiere mein ein und alles waren, und dass sie damit das Schlimmste noch bei weitem toppen konnte. Diese Gelegenheit wird niemand mehr haben. So viel einmal zu „Fast-Hinterbliebenen“, denn ich glaube, dass es auch solche gibt, die, wenn einer oder eine überlebt, ihn oder sie noch fertiger machen. Bitte nicht falsch verstehen, ich meine niemals mit irgend etwas alle, gleich auf welcher Seite sie stehen. Aber man sollte Fakten, Wahrheiten berichten dürfen über die, die man zurückgelassen hätte, genau so, wie über die berichtet werden darf, welche endgültig gegangen sind.

  8. Hallo,
    danke, daß Du das alles mit uns teilst. Ich könnte jetzt als Schnellschuß ablassen, daß es für mich so aussieht, daß Die Schuld, die Du bei Dir suchst, vielleicht doch bei anderen zu suchen ist (Mutter?), aber ich bin mir dessen bewußt, daß ich nur einen kleinen Teil der Wahrheit kenne, Du weißt das besser.
    Verzeih bitte, wenn ich eine Nachfrage am Thema vorbei stelle: Du schreibst, daß (neben Deinen Tieren) auch Dein Glaube hilft. Kannst Du dazu noch etwas sagen? Wenn es Dir zu persönlich ist, ist gut. Ich wundere mich nur, wie der Glaube auf der einen Seite hilft und Du auf der anderen Seite nie Lebensfreude gespürt hast. Ich meine das nicht als Vorwurf, ich will gerne verstehen (als selbst Gläubiger, der nicht in der Situation ist).
    Ich wünsch Dir alles Gute. Sag Bescheid, wenn Du irgendwo Hilfe brauchst und bitte geh nicht. Wegen Deiner Tiere, wegen des Projektes, das Du in Angriff genommen hast und durch das Du bald vielen Menschen sehr helfen wirst, und wegen der Lebensfreude, die auf Dich wartet.

  9. Mal so ne Frage generell, ist nicht jeder mit seinem Leben irgendwie unzufrieden „geprägt von Selbsthass, Selbstzweifeln“ nur eben in unterschiedlicher Stärke?

    Also ich meine ist nicht der Wunsch ein anderes Leben zu haben bei jedem da? Und bei Suizidalen ist eben der Unterschied, dass keine Hoffnung da ist, dass es sich bessern könnte, sondern nur die Idee, dass es vielleicht aufhört so schlimm zu sein, wenn man sich umbringt?

  10. @Benjamin
    das mit der Schuld verhält sich so: zum einen ist es bei vielen Menschen so, dass sie eigentlich nicht Schuld an etwas haben, aber dennoch Schuldgefühle entwickeln. Zum anderen sind Schuldgefühle beispielsweise bei Borderline-Betroffenen etwas Hauptsächliches. Dir widerfährt Gewalt, Missbrauch und einiges mehr. Eigentlich bist du das Opfer. Später rufst du diese Erlebnisse ab und irgendwann gibst du dir an allem die Schuld, was dann in einem abgrundtiefen Selbsthass gipfelt und, wenn dieser innere Druck sich schichtweise aufbaut, explodierst du irgendwann, ähnlich einem Schnellkochtopf, der schießt auch, wenn er zu viel Druck hat, seinen Deckel durch die Gegend. Etwas komischer Vergleich, aber besser kann ich das atm nicht ausdrücken. Jedenfalls geht es hin bis zu selbstzerstörerischen Aktionen. Ok, ich habe seit Juli durchgehalten, und das ist für meine Verhältnisse eine sehr lange Zeit.

    Deine Frage habe ich keinesfalls als Vorwurf aufgefasst und ich beantworte sie dir gerne. Meine Eltern führten eine so genannte „Mischehe“, das heißt, meine Mutter war katholisch, mein Dad evangelisch. Wir Kinder wurden protestantisch getauft. Irgendwann traten meine Eltern aus der Kirche aus, mit uns Kindern. Gefragt wurde ich gar nicht, fühlte mich jedoch irgendwie dem Glauben immer hingezogen, nur war und bin ich kein Fanatiker. 2007 kam meine Mutter ins Krankenhaus. Ich stand mit allem alleine da. Und spontan entschied ich mich „jetzt werde ich wieder in die Kirche eintreten und konvertieren“. Also leitete ich alles ein, hatte ein Gespräch mit dem katholischen Pfarrer. Da ich es damit unerklärlicherweise sehr eilig hatte, bekam er sogar vom Bischof eine Sondergenehmigung, die Firmung im Juli selbst durchzuführen, da der Bischof erst wieder im April des kommenden Jahres in unserem Bundesland gewesen wäre. So stand der Termin fest, ich fuhr ins KH, erzählte meiner Mutter von dem Entschluss und erwartete hartnäckige und widerspenstige Diskussionen, war jedoch positiv überrascht, als sie direkt zustimmte und meinte, dass sie, so sie wieder nach Hause käme, diesen Weg mit mir gemeinsam gehen würde.

    Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie es ist, u.a. an einer sehr ausgeprägten Sozialphobie und Berührungsängsten zu leiden. Bei mir ging das so weit, dass ich meiner eigenen Mutter keine Hand halten konnte, stets Sagrotanspray mit mir führte, mich desinfizierte, wenn mir jemand die Hand gab. Immer so, dass derjenige es nicht bemerkte, denn verletzen wollte ich damit ja auch niemanden. Am Tag der Firmung dann reichten sich alle die Hände, bildeten einen Kreis und da war einer, der wohl meine Unsicherheit und Angst spürte. Ich kann es nicht erklären, aber da sprang ein mir bis dahin nie gekannter menschlicher Funke über und eine unsagbare Kraft. Angst und Unsicherheit waren plötzlich weg. Zum Abschluss begrüßte mich jeder mit Handschlag als neues Gemeindemitglied. Diesen Punkt hatte ich an diesem Tag überwunden, fuhr ins Krankenhaus und konnte von da an auch meine Mutter wieder berühren. Gänzlich weg ist es nicht, aber für mich ein sehr großer Schritt.

    Mein Glaube hilft mir insofern, als er mir einfach Halt gibt. Ich engagiere mich ehrenamtlich, habe Aufgaben und weiß, dass diese nicht sinnlos sind. Ich habe zu ihm gefunden, oder er mich. Es gibt sehr viele Christen, die dennoch keine Lebensfreude empfinden und suizidal sind. Weißt du, wenn du an ein Leben nach dem Tod glaubst, ist das auf der einen Seite etwas sehr Schönes, diese Vorstellung, jedoch wenn du von grundauf suizidal bist, kann sich daraus eine regelrechte Todessehnsucht entwickeln. Und dass ich einige Ängste allein durch die Kirche abbauen, vieles erkennen und einiges überhaupt wieder positiv wahrnehmen kann, das zeigt mir, dass diese Entscheidung nicht falsch gewesen sein kann. Nur bin ich, wie geschrieben, keineswegs fanatisch. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man, um seinen Glauben zu leben, nicht gezwungenermaßen eine Institution benötigt, obwohl ich selbst diesen Weg gegangen bin. Ich mache mir auch meine eigenen Gedanken und sage nicht zu allem ja und amen. Mir wurde nun schon mehrmals der Weg gewiesen und dass ich beispielsweise mich einmal nachts umbringen wollte, alle gebunkerten Medis einnahm, vom letzten Geld ein Zimmer mieten wollte, weil es einfach tierisch kalt war, jedoch sebst im teuersten Hotel nicht mal ein Einzelzimmer frei war, gab mir nachträglich zu denken. Ich ging weiter, zum nächsten Hotel. Dachte – wie cool, die sind sogar noch günstiger, da fällt das Trinkgeld für das Personal höher aus -, aber ich hätte noch Stunden warten müssen, bis sie öffnen. Dabei sei erwähnt, dass unsere Stadt nun keine Großstadt ist, es war auch kein Kongress oder ähnliches, was ein völlig ausgebuchtes Hotel erklären könnte. Also fuhr ich nach Hause, war zugedröhnt, schlief zwei Tage lang und nichts war passiert. Da waren einige Dinge und Ereignisse, welche ich nicht einfach dem Zufall zuschreiben kann.

    Warum ich nie Lebensfreude gespürt habe, ich denke, vielleicht habe ich sie auch gar nicht verdient. Ich kenne diese absolute Ausgelassenheit leider nicht, da ständig diese düsteren Gedanken präsent sind, und auch wenn man noch so will, man kann sie einfach nicht abstellen. Vielleicht kommt sie ja, und wenn es ein einziger Tag wäre.

    @ui
    Natürlich ist da so. Ich gaube auch, dass sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen irgendwann einmal den Gedanken an Suizid haben und dass eben Selbstzweifel und Selbsthass jedem innewohnen, eben unterschiedich ausgeprägt. Nur da ja stets Stärke gefordert wird, traut sich kaum einer, darüber zu reden.

    Ich denke schon, dass der Wunsch nach einem anderen Leben da ist. Ich habe einmal eine tierische Kurzgeschichte geschrieben, wo es auch darum geht, dass man oft gerne nicht das wäre, was man ist, sondern einfach anders. Wenn man suizidal ist, ist auch jegliche Hoffnung verschwunden. Und selbst dann, wenn man es nun nicht akut vorhat, eine Option ist es immer, eine Art Notausgang. So merkwürdig es klingen mag, aber auch hieraus kann man durchaus eine Art (Über-)Lebensstrategie entwickeln.

  11. Da kommt der Glaube dann aber wieder ins Spiel, der ein Problem ist. Denn diese ganze Sache mit dem Leben nach dem Tod beruht ja nicht auf Erkenntnis, sondern fußt aus der Angst der Menschen davor, dass es nach dem Tod vorbei ist.

    Weil die Tatsache, dass es nach dem Tod vorbei ist für viele schwer zu verkraften ist, haben sich verschieden Glaubensrichtungen entwickelt, die alle die Vorstellung haben, dass es danach weitergeht.

    Und das macht das Leben ja ganz leicht, denn egal wie man Bockmist baut, danach geht’s super weiter. Was natrülich nicht stimmt. Danach ist es einfach vorbei.

    Würde es ohne Glauben nicht gar weniger Selbstmorde geben? Ich denke schon.

  12. @Autorin:
    Danke für Deine offene Antwort. Es ist schön zu hören, daß Du in der Gemeinde eingebunden und engagiert bist. Und zwar deshalb, weil ich mir einbilde, das könnte Dich evtl. zurückhalten, anders als wenn Du ganz alleine wärst (schreibst D ja auch so in der Art).
    Aber entschuldige: Daß Du die Lebensfreude nicht verdient hättest ist Quatsch. Ich finde es sowieso fragwürdig, immer nur nach dem Verdienst zu fragen.Wenn alles nur nach dem Verdienst ginge, dann wäre diese Welt eine sehr traurige…

    Ich wünsch Dir weiterhin alles Gute und Gottes Segen
    De Benny

  13. Das mit dem Glauben, dass es vielleicht weniger Selbstmorde geben würde, finde ich einen sehr interessanten Gedankengang. Vielleicht mag dieses auch bei vielen so sein. Ich jedoch glaube nicht daran, dass es, wenn es weitergeht, für jeden super weitergeht, sondern dass man für das, was man getan hat, zur Rechenschaft gezogen wird. So glaube ich auch, dass man genau so für seinen eigens verursachten Tod möglicherweise die Quittung bekommt, aber ich wäge dann immer ab, was zugegebenermaßen wiederum ein selbstgebaltetes Konstrukt einer weiteren Rechtfertigung ist, dass es schlimmer als hier nicht werden kann und ein „Tausch“ dann eventuell erträglicher wäre als hier.

    Ich selbst glaube nicht, dass danach alles vorbei ist, beschäftige mich schon sehr lange mit dem Leben nach dem Tod, mit Nah- und Nachtodphänomenen. Gerade Nahtoderlebnisse wurden erst viele Jahre nach Erscheinen des Buches von Dr. Moody belächelt, mittlerweile beschäftigt sich die Sterbeforschung damit. Mag sein, dass dieses Thema noch immer umstritten ist, aber es gibt Erfahrungsberichte darüber und ich kann mir nicht vorstellen, dass alle unwahr sein sollen. Dieses trifft auch auf OBE zu, was ich ein einziges Mal selbst für den Bruchteil einer Sekunde erleben durfte, jedoch ohne den geringsten Einfluss von Medikamenten oder Alkohol (ich bin sowieso Antialkoholiker). Ich halte mich nur hierbei mit Äußerungen über eigene Erfahrungen zurück, weil ich dann unter Umständen Gefahr laufen könnte, dass eine „Irre“ sowieso und grundsätzlich spinnt.

    @Benjamin
    Damit hast du Recht – hätte ich keine Verpflichtungen, hätte ich nicht meine derzeitige Existenz aufbauen können, wobei ich mit solcher Resonanz nicht gerechnet hätte und wären meine Tiere nicht, wäre ich mit Sicherheit schon lange weg. Aber seit einer Zeit tritt immer dann, wenn ich wieder Gefahr laufe, den letzten Schritt zu tun, etwas ein, wo mich jemand braucht. Wie vor ein paar Wochen, als meine Freundin notfallmäßig ins Krankenhaus kam und ich mich dann kümmern durfte, um sie, ihre Tiere und ihre Wohnung. Hätte ich diese Verantwortung übernommen und nicht ernst genommen, wären ihre Hunde und Kleintiere im Tierheim gelandet. So waren sie wenigstens versorgt. Mag lächerlich klingen, aber das sind tatsächlich Gründe, zumindest für mich. Diese so genannte Impulskontrolle ist das einzige positive Überbleibsel einer über drei Jahre dauernden Therapie, die mir nichts gebracht hat. Mir tut lediglich das zum Fenster rausgeworfene Fahrgeld Leid, hätte ich das gespendet, hätte es mehr Sinn erfüllt 🙂

    Stimmt auch wieder, das mit dem verdienen oder nicht verdienen. Und bezüglich der Lebensfreude, die nicht da ist: Stell dir nun aber nicht vor, dass ich stets mies gelaunt durch die Gegend laufe. Dem ist nicht so. Humor habe ich, und fahre absolut auf Ironie und Sarkasmus ab, wobei Sarkasmus – auf manche teils erschreckend wirkend, was jedoch nicht in meiner Absicht liegt – auch eine Art Ventil darstellt. Auch wenn der Selbsthass hochsteigt und man am Rad dreht, schreibe ich fiktive Abschiedsbriefe. Mag morbide rüberkommen, aber mir hilft es über diese Phasen meistens hinweg.

    Danke für die Wünsche und viele Grüße

  14. Wenn es Dir hilft, dann ist doch okay…
    Und lächerlich klingt es nicht, daß Du Dich um die anderen kümmerst, und deren Tiere…
    Wenn D die Impulskontrolle aus der Therapie hast, dann war die doch zumindest ein wenig erfolgreich, wenn auch vielleicht nicht in dem Maße, wie man es sich wünscht. Ich entnehme Deinen Äußerungen, daß Du zur Zeit nicht in Therapie bist. Hoffnung verloren, daß es helfen könnte? Oder einfach nicht möglich im Moment?
    Das mit dem zr Rechenschaft ziehen aufgrund dessen, was man getan hat… na, lassen wir das, wäre ne theologische Diskussion und ich bin nicht katholisch. Man kann es anders sehen, aber wenn Dich die Vorstellung von einer Strafe zurückhält, dann ist das (im Moment) vielleicht auch gut so…

    Gottes Segen
    De Benny

  15. @autorin:
    ich möchte dir ganz viel respekt zollen, ohne den eindruck zu erwecken, ich wollte dich in deiner sichtweise über dich selbst beeinflusen.
    respekt für deine offenheit. respekt für dein gespür, mit welcher sprache du uns erreichst, wie viel details du uns bietest, damit die brücke des verständnisses hält. respekt für deine wertschätzung jedes beitrags, für den versuch, jedem autor/jeder autorin auf augenhöhe zu begegnen. respekt für deine neidlosigkeit und deine ernsthaftigkeit mit der du dich mit jedem gedanken auseinander setzt. – mutet jetzt vielleicht wie die „ultimative lobhudelei“ der sendung „zimmer frei“ an. ich weiß nicht, ob du die sendung kennst, aber ich glaube, du kriegst von vielen die „grüne karte“ und das zimmer angeboten. nicht (nur) wegen der hilfe, die du anderen anbieten könntest, obwohl das sehr wertvoll wäre. nein, einfach weil du so bist, wie du bist. (meine ganz subjektive sicht auf das, was ich in und zwischen deinen zeilen wahrnehme)

    inhaltlich kann ich so vieles „unterschreiben“, auch wenn ich in einer anderen liga unterwegs bin. das meine ich nicht wertend. werten liegt mir fern.
    mein bruder hat mir regelmäßig gewalt angetan. überhaupt habe ich früher anscheinend immer „hier“ geschrien wenn’s um das abgreifen von schläge anging. irgendwann glaubst du, es muss was wahres dran sein und verinnerlichst, dass du alles (un)mögliche schuld bist und es nicht anders verdienst. die milde form des selbsthasses ist die, dass man sich selber den eigenwert abspricht. bei meinem bruder bekam das züge der selbstzerstörung – ich war ihm trotdem (oder gerade deshalb?) so nah und wahrscheinlich auch auf seiner seite wie kein zweiter. bei mir ist es bei der neugier geblieben, ob es ein leben nach dem tod gibt. habe mich sozusagen versucht „schlau“ zu machen mit sachbüchern. auch von der religösen seite habe ich mich versucht zu nähern. ich glaube, man muss die diskussion nicht aufmachen.
    ich stimme dir zu, jeder hat so seinen umgang mit den dingen. die flucht in den humor ist eine davon. mein therapeut hat sich irgendwann darüber beschwert 😉 ist halt nicht jedermanns sache.
    und von den vielen gedanken möchte ich noch 2 aufnehmen: ich halte die strategie, sich die „option“ zuzugestehen in der tat für (m)eine überlebensstrategie. würde ich kategorisch „niemals!!“ sagen, wäre ich wohlmöglich eines tages schwer überrascht von mir selbst 😉 so ist es fast wie eine versicherung: man hat sie, aber eigentlich kommt man auch ganz gut klar, wenn kein „versicherungsfall“ eintritt.
    das mit der plattform finde ich eine gute idee. es gibt – vielleicht seltsamer quervergleich – auch ganz interessante bücher zu autismus. es werden in einem buch zum beispiel phänomene kapitelweise beschrieben. jedes kapitel ist einmal aus der sicht bzw. von einem autistischen kind geschrieben, den anderen teil liefert die mutter. und so erfährt man ein bisschen über beide seiten. vielleicht wäre das auch ein ansatz. ich biete mich schonmal an für einen beitrag zum projekt 🙂

  16. Nope, ich bin nicht mehr in Therapie. Der Therapeut wollte diese nicht mehr fortsetzen. Ich denke, und kenne ihn auch durch andere, dass es ihm nicht passt, wenn man widerspricht. Wenn er mich jedoch völlig falsch interpretiert hat hinsichtlich meines Aggressionspotentials und davon ausging, ich würde Aggressionen gegen andere richten, dann ist es m.E. doch mein Recht, dieses richtigzustellen, denn Aggressionen richte ich ausschließlich gegen mich selbst, und mir etwas anderes einreden zu wollen, ist für mich schon beleidigend. Ich habe selbst mehr als Gewalt erfahren, aber habe noch niemals die Hand gegen andere Menschen oder Tiere erhoben. Zudem war es ihm lästig, dass ich eben nicht seine zweibeinige Laborratte gespielt und alle Medikamente einfach eingenommen habe. Er war sauer, wenn ich mich darüber über Internet informierte und dann dankend ablehnte, weil ich keinen Sinn darin sehe, dauersediert vor mich hinzusemmeln. Das ist kein Leben, sondern reine Fernsteuerung. Ich weiß durch andere, dass er einmal einer Organisation Psychiatrie-Erfahrener angehörte. Als diese – und ich denke völlig zu Recht – Psychopharmaka an den Pranger stellten, ist er ausgetreten. Das sagt, denke ich, vieles aus. Nochmals einen Therapeuten suchen, ich weiß nicht, denn Vertrauen fassen ist so ein Problem. Zudem gehöre ich einem Kreis an, der selbst bei Therapeuten ziemlich das Letzte ist, also würde es von vorneherein, wenn ich wollte, schwierig, einen Therapieplatz zu finden, und allgemein, egal welches „Krankheitsbid“ nun zu Grunde liegt, betragen die Wartezeiten im Durchschnitt ein halbes Jahr. Fatal für Menschen, die Hilfe suchen, sie auch annehmen würden, jedoch auf einer Warteliste stehen und, sobald ein Platz frei würde, sich eventuell längst umgebracht haben. Auch hier müsste etwas passieren.

    Wegen der Religion: ich bin nicht verbissen oder fanatisch, nicht festgefahren, sondern bin für andere Glaubensrichtungen genau so offen. Meine Mutter und ich hatten uns u.a. als Lebensmotto den Satz von Seattle „Es gibt keinen Tod, es gibt nur einen Wechsel der Welten“ entnommen. So sieht es die katholische Kirche nicht. Ich bin auch nicht christlich erzogen und aufgewachsen, vielleicht rührt daher mein Teil der Freidenkerei oder einfach Offenheit und Toleranz, denn letztlich kann man allem etwas Positives entnehmen.

    Ich vertrete allerdings den Standpunkt, dass ich mich für einen eventuellen Suizid mitnichten vor einer weltlichen Organisation oder einzelnen Menschen rechtfertigen würde, zumal ich nichts tun würde auf eine Art, bei welcher andere geschädigt werden könnten.

  17. Ich wußte nicht, daß man auf Wartelisten kommt, wenn man nen Therapeuten sucht. Das ist ja furchtbar! Das wär auch so ein Thema, um die Öffentlichkeit aufzuklären. Daß Menschen mit Medikamenten ruhig gestellt werden hört man ja öfters mal, ich hab auch Freunde, die zwar nicht suizidal sind, aber eben auch von außen als „Irre“ abgestempelt wurden und werden, da hört man sowas zumindest. Aber das mit den Wartelisten ist mir neu.
    Klar, daß Du mit dem Therapeuten nicht mehr weitermachen willst. Und solange Du ohne auf einem Weg bist, ist das ja auch gar kein Problem. Besser selbst da raus kommen, als durch die Medikamente dahin zu dämmern, denk ich.
    Gottes Segen
    De Benny

  18. „Ich jedoch glaube nicht daran, dass es, wenn es weitergeht, für jeden super weitergeht, sondern dass man für das, was man getan hat, zur Rechenschaft gezogen wird“ – ja gut, das darfst Du ja gerne glauben, aber wie kommt man auf so eine Idee? Es gibt überhaupt keinen Anhaltspunkt, dass da irgendwas wahres dran sein könnte.

    Ich selbst bin lieber für Wissen anstatt Glauben, da komm ich weiter mit. Und was ich nicht weiß, kann ich lernen, aber was ich nicht glaube, kann ich nicht glauben.

  19. @ui:
    das ist ein Gedankengang, den ich auch ein ganze Weile sehr geschätzt habe und für den es in der (Literatur)Geschichte immer wieder Wellenbewegungen gibt. Dein Weltbild, das geprägt ist von „Maß und Zahl“, kenne ich auch als Newtonsches Weltbild. Hier steht der Verstand und was mit seiner Hilfe erfassbar ist, im Vordergrund. Und dazu gibt es dann die Gegenbewegung der „Empfindsamkeit“. Hochzeit der Antike -> Mittelalter, Klassizismus -> Romantik…
    Jede Zeit hat für sich (zurecht) reklamiert, Recht zu haben.
    Ich schätze inzwischen mehr die Welt der Intuition oder anderer Phänomene, die für mich nicht mehr in das wissenschaftliche Weltbild passen. Klar begebe ich mich damit auf unsicheres Terrain, aber das geht notwendigerweise damit einher.

  20. @Nico
    danke für das viele Lob, was mich, zugegebenermaßen, beim Lesen etwas beschämt hat.

    Ich habe auch nicht im geringsten den Eindruck, dass du oder auch andere mich auch nur im geringsten beeinflussen möchten, und glaub mir, ich habe dafür ein sehr gutes Feingefühl. Dieses ist ja auch mein Ziel, dieses innere Chaos, die Zerrissenheit, Gedanken und Emotionen anderen, die nicht so sind, versuchen näher zu bringen um eine Brücke zu schlagen, eine, wie du so schön und treffend ausgedrückt hast „Brücke des Verständnisses“. Zimmer frei schaute meine Mutter ab und zu, ich habe sie ein, zweimal gesehen.

    Offenheit habe ich schon immer praktiziert, auch in anderen Richtungen. Etwas, womit viele nicht umgehen möchten, aber ich finde es einfach aufrichtiger, jemanden wissen zu lassen, woran er mit mir ist, als ihm etwas höfliches vorzugaukeln und dann bei anderen über ihn negativ herzuziehen. Und meine Offenheit mit meiner Einstellung, meiner Einstellung zum Tod, meiner Akzeptanz, dass ich bin, wie ich bin, musste ich lernen. Als ich damals in der Psychiatrie war, wollte ich niemals wieder nach Hause, weil dieses hier ein Wohngebiet ist, wo einige selbst ernannte „Leute“ wohnen. Mich überkam absolute Scham, ihnen allen wieder unter die Augen zu treten, zumal hier gleich alles die Runde macht. Gut, ich bin wieder nach Hause, da war ja meine Mutter, was hätte sie tun sollen? Sie konnte sich ja nicht mehr helfen. Und dann habe ich gelernt, anderen zu begegnen und viele haben mich nicht, wie erwartet, runtergemacht. Ausgrenzung ist da, eben weil ich keinen Hehl mehr aus allem mache.Warum auch? Ich habe weder anderen Schaden zugefügt, keine Verbrechen begangen. Mittlerweile habe ich den Spieß umgedreht und grenze solche Menschen aus meinem Leben aus, denn merkwürdigerweise ist man den meisten so ziemlich egal, tut man jedoch etwas, was der Allgemeinheit nicht passt, was sich außerhalb derer aufgestellten gesellschaftlichen Normen bewegt, lieferst du deren Tagesgespräche, und anscheinend bin ich mittlerweile ein sehr guter Logistiker 🙂 Es gibt aber auch andere, die zuhören und die mich akzeptieren. Es wäre meinerseits unfair, alle über einen Kamm zu scheren.

    Ich gehe gerne auf jeden Beitrag ein, da mir jeder Beitrag und somit jeder Mensch, der ihn verfasst, mir damit vermittelt, dass er diese Thematik ernst nimmt, mehr wissen will, sich mit einer jener befasst, welche nun einmal nicht unbedingt zur Masse passen. Es ist genau so, wie du beschreibst. Mein Bruder ist genau so, er ist älter als ich, und er hat seine Schläge irgendwann tatsächlich mit noch Schlimmerem toppen können. Trotzdem stand ich zu ihm, tat es genau so wie du. Stand zu ihm, wäre dem Teufel vor die Schmiede gefahren, wenn er ihn hätte anrühren wollen. Ich habe mich von Kind an um ihn gekümmert, weil er immer sehr unselbständig war. Ist er auch heute noch. Nun gut, der Kontakt brach ab, denn meine eigene negative Entwicklung habe ich definitiv ihm zu verdanken. Aber, und hier kommt wieder der Glaube ins Spiel, ich habe ihm innerlich verziehen, möchte meinen eigenen Frieden diesbezüglich finden und abschließen und werde ihn kontaktieren, mich aussprechen, die Vergangenheit begraben. Ich bin der Meinung, dass ich, wenn ich selbst um Vergebung bitte, auch bereit sein muss, selbst zu vergeben. Auch wenn einer mein Leben zerstört hat. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du trotz der Gewalt deines Bruders ihm so nahe warst und zu ihm gestanden hast, und es scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, etwas, was sich innerlich regelrecht automatisiert, dass die eigentlichen Opfer irgendwann sich selbst als an allem Schuld sehen. Vielleicht ist dieses eine Art Schutzwall, welche man im Laufe der Zeit um sich herum aufbaut.

    Nein, die Diskussion über Leben nach dem Tod gehört meiner Meinung nach woandes hin, da zum einen viel zu komplex und zum anderen würde das eigentliche Thema hierdurch vielleicht erneut in den Hintergrund geraten.

    Stimmt, Humor ist nicht jedermanns Sache. Weil viele verbissen durch diese Welt laufen. Ein gutes hatte mein Ex-Therapeut, er erkannte sehr schnell, dass er mich mit Sarkasmus erreichen kann. Also meinte er einmal, wenn ich mich wieder umbringen wolle, würde er mit mir zum Zoo fahren (der Zoo grenzt praktischerweise an unser Wohngebiet) und mich ins Löwengehege werfen, da dann wenigstens das Tier noch was davon hätte und niemand hinterher etwas wegräumen müsste. Ich weiß, dass das andere schocken würde, bei mir kam das sehr gut an, also sah ich dieses als verbindliches Versprechen 🙂 Weißt du, eines meiner Symptome sind extreme Stimmungsschwankungen. Diese habe mit (schlechter) Laune absolut nichts zu tun, aber du würdest mir das niemals anmerken. Ich lasse es, wenn es mir so richtig dreckig geht, nie an anderen aus. Warum auch? Sie können nichts dafür. In einem Punkt hast du Recht: ich bin anderen in keinster Weise neidisch, im Gegenteil, ich gönne jedem von Herzen, dem es gut geht, gönne jedem seine Familie, obwohl ich selbst keine mehr habe und nie eine eigene gründete, obwohl mein Traum einmal war, zwölf Kinder in diese Welt zu setzen und jedes sollte seinen eigenen Hund bekommen. Gut, dieser Traum wurde mir zerstört, jedoch tragen daran andere keine Schuld und vielleicht ist es auch besser so, dass es von mir keine kleinen Kopien gibt 🙂 Ich sehe andere in ihrem Glück mit ihren Kleinen absolut neidlos und kümmere mich sehr gerne um sie, und kann komischerweise auch zu etwas problematischeren Jugendlichen einen recht guten Draht finden. Vielleicht auch so eine Art Aufgabe.

    Mit der Versicherung, hast du gut ausgedrückt. Ich versteckte mich damals hinter einer „Airline“, ein Flieger. Heute sage ich, er steht im Hangar, muss überholt werden, wäre aber gegebenenfalls jederzeit wieder einsatzbereit für den nächsten Flug. Diese verbale Symbolik ist, auch wenn es auf andere abartig wirken mag, für einen selbst hilfreich und in der Tat eine Art Strategie zum Weiter- oder Überleben.

    Deinen Quervergleich finde ich alles andere als seltsam, sondern im Gegenteil, sehr treffend und sinnvoll, denn genau so möchte ich diese Plattform gestalten. Ich stelle mir sie so vor, dass ich Hintergrundinformationen bereitstelle, Zahlen, Anlaufstellen und Foren (keine Suizidforen). Ein Blog soll zum Gedankenaustausch dienen. Ich möchte Seiten verlinken, Seiten, die zum Gedenken derer dienen, welche diesen Weg gewählt haben. Es sind Seiten, die Hinterbliebene und Freunde erstellt haben, und auf den meisten werden das Schicksal und die letzten Momente geschildert. Ich möchte allen, die möchten, Gelegenheit geben, ihre „Geschichte“ zu schildern, beide Seiten gegenüberstellen. So, wie du es mit dem Buch über Autismus angerissen hast. Ich wäre für jede Unterstützung, Anregung und Beiträge sehr dankbar, und vor allem für Verbreitung.

    @Benjamin
    Das mit dem Wartelisten ist sogar ein sehr großes Problem. Hinzu kommt, dass nicht immer auf Anhieb die Chemie zwischen Therapeut und Patient stimmt. Ganz normal, denn nicht alle Menschen können nun mal miteinander. Du hast Anspruch auf fünf Probesitzungen. Wenn dann ersichtlich ist, dass hier eine Therapie nichts bringen würde, kannst du einen anderen Therapeuten aufsuchen, aber dann kannst du wieder ein halbes Jahr warten. Direkte Hilfe kannst du erhalten, wenn du freiwillig die Psychiatrie aufsuchst. Manchen mögen sie helfen, ich sehe diese Einrichtungen jedoch von einer kritischen Seite. Mir hat mein „Zwangsurlaub“ nicht geholfen, im Gegenteil. Seitdem leide ich erst recht an einer extremen Angstproblematik und Panikattacken, alleine durch das Einsperren. Ich habe hier im Haus, außer der Haustür, sämtliche Türen offen, teilweise ausgehangen.

    Ja, die Menschen dort werden, insbesondere auf den so genannten „Akutstationen“, womit die geschlossene Station gemeint ist, ruhig gestellt. Man nennt es auch „runterspritzen“. Dreimal am Tag findet die Medikamentenausgabe statt. Eine halbe Stunde nach der Einnahme laufen die Leute dort herum wie R2D2 aus Star wars, ferngelenkt, weil als Nebenwirkung u.a. die Motorik gestört wird, Krämpfe auftreten können. Ich war die einzige, welche keine Medikamente einnahm, weil ich sie verweigerte. Warum auch immer musste ich auch nicht, und deshalb war ich die ganze Zeit über bei klarem Verstand und konnte dies alles sehr gut beobachten. Je nach dem, welcher Pfleger gerade Dienst hat und wie er oder sie drauf ist, kommt es sogar vor, dass, wenn ein Patient nicht sofort willig ist und seine Medikamente schluckt, kurzerhand fixiert wird und dann gibt es das Zeug eben als Infusion. Auf der Geschlossenen wirst du ständig, wenn du aufmuckst, mit Fixierung bedroht. Auf den offenen Stationen, d.h. auf welchen du dich frei bewegen kannst und auch raus „darfst“, kommen dann die Drohungen mit der Geschlossenen.

    Die früher durchgeführte Lobotomie nach Freeman wird zwar inzwischen nicht mehr durchgeführt, dazu gibt es heute Psychopharmaka, welche jedoch, zumindest aus meiner Sicht, letztlich denselben Zweck erfüllen: ferngesteuerte, emotionslose Wesen zu erschaffen, welche anders einfach zu unbequem wären. Es wird auch, entgegen der gängigen offiziellen Aussagen, sehr wohl noch mit Elektroschocks gearbeitet. Zudem erzählte mir damals eine Mitpatientin von ihrem sechsmonatigen Aufenthalt auf der Geschlossenen in einer anderen Psychiatrie. Sie wurde dort in ein Einzelzimmer gesperrt, wo Tag und Nacht grelles Neonlicht brannte. Raus durfte sie lediglich, um zur Toilette zu gehen. Mir hat man, da ich mich vehement gegen sämtliche Psychotabletten wehrte, meine Asthma- und Allergiemittel verweigert. Reine Schikane. Da zu dieser Zeit alles in voller Blüte stand, hatte ich regelmäßig jede Nacht einen Asthmaanfall. Einmal ging es so weit, dass der Notarzt gerufen wurde, doch selbst seine Verordnung wurde ignoriert. Es artete eines Nachts dann so weit aus, dass ich nahe daran war, mich aus lauter Panik, weil ich keine Luft mehr bekam, auf der Station umzubringen, um dieses zu beenden. Erst als meine Mutter sich im Chefarztsekretariat beschwerte, klappte das. Nur hierdurch wurde das bis dahin überwiegend allergisch bedingte Asthma chronisch, und dieses ist auch nicht mehr heilbar. Dieses mal als ein kleiner Ausschnitt, wie dort teilweise mit Menschen umgegangen wird.

    Das ist ja genau das Problem, dass Leute, nur weil sie vielleicht depressiv sind oder anders denken und empfinden, als Irre abgestempelt und stigmatisiert, diskriminiert werden. Damit werden sie in die Isolation getrieben und viele, die bis dahin nicht suizidal waren, werden es dann, weil sie irgendwann ihren Leidensdruck einfach nicht mehr ertragen können, berechtigterweise um Diskriminierung fürchten und dann automatisiert sich die Abfolge. So ähnlich sehe ich es bei Robert Enke. Einer, der ja immer stark zu sein hat, soll plötzlich Schwächen haben und diese zeigen? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieses auch ein Punkt war, der ihn zum Rückzug, zum Dichtmachen bewog.

    @ui
    Wie man darauf kommt, weiß ich nicht. Glauben heißt ja nicht Wissen. Einen Anhaltspunkt oder gar Beweis, gibt es nicht. Ich selbst kann mich lediglich auf eigene Erfahrungen berufen, auf welche ich jedoch ehrlich gesagt nicht wage, näher einzugehen. Nun denke aber bitte niemand, ich würde kleine Aliens oder ähnliches sehen. So ist es nicht. Es gibt Dinge, die sich auf rein emotionaler Ebene abspielen und einfach wissenschaftlich nicht zu erklären sind.

    Ich denke, es ist gut, dass du deine eigene Ansicht hast und diese auch vertrittst, denn würde jeder, ohne zu hinterfragen, glauben, oder würde jeder vehement nicht glauben, wäre es langweilig, es würde Diskussionsgrundlagen vernichten und Gedankenanreize.

    nochmals @Nico
    Meinen Großvater und meine Mutter könntest du auch zum Newtonschen Weltbild zählen. Insbesondere meine Mutter war eine knallharte Realistin. Jedoch ebenfalls aufgrund eigener Erfahrungen revidierte sie ihre Einstellung, ohne jegliche Einflussnahme von außen und auch ohne jegliche Zugehörigkeit zu irgend einer Glaubensrichtung. Sie bezeichnete sich selbst Jahrzehntelang als Atheist. Ich war dieses jedoch nie, obwohl ich eben nicht christlich erzogen wurde. Für mich sind Intuition nebst anderer Phänomene nicht abwegig und auch mir ist durchaus bewusst, dass man sich hiermit auf ein unsicheres Terrain begibt. Nur habe ich Dinge erlebt, welche zwar wissenschaftlich nicht zu erklären sind, aber warum soll es etwas, das von vorneherein nicht in eine Formel passt, nicht doch existent sein?

    sorry für den langen Text

    1. Btte verzeiht, dass ich mich hier ausklinke, aber mir werden die Kommentare mittlerweile zu lang. Ein Kommentar der länger als der Artikel ist, ist ja nicht mehr ein Kommentar, sondern ein Artikel.

      Ich wollte nur sagen, auch Dinge, die sich auf rein emotionaler Ebene abspielen, sind wissenschaftlich zu erklären.

      Ich denke Nico und Du ihr habt fasche Vorstellungen von Wissenschaft, wenn ihr ein Bild konstruiert, dass es auf der einen Seite Wissenschaft gibt, auf der anderen Sachen Leute, die an Sachen glauben.

      Das ist Falsch. Die Wissenschaft weiß bei weitem nicht alles, Wissenschaft bedeutet, dass zu ergründen, was man noch nicht weiß und das wie und warum herauszufinden.
      Glauben bedeutet, bei etwas, was man nicht weiß, nicht nchzuforschen, sondern sich etwas auszudenken.

      Und dann gibt es noch das Problem des Glaubens, Dinge, die die Wissenschaft bereits herausgefunden hat, nicht zu akzeptieren.

      Und das macht es der Menscheheit leider schwer, sich weiter zu entwickeln, weil sie so stur sind.

  21. sorry, es lag nicht in meiner Absicht zu nerven und von daher entschuldige ich mich in aller Form für die Länge der Texte. Es ist dein Blog, und du kannst meine Kommentare gerne löschen, damit habe ich absolut kein Problem und werde mich ab sofort fernhalten. Tut mir Leid und nochmals Entschuldigung.

  22. Mei, so meinte ich das doch gar nicht. Ich meinte nur, wenn man in einem Kommentar 3 DinA4 Seiten voll schreibt, liest niemand mehr mit, höchstens der Angesprochene, und dann ist die ganze Mühe umsonst und man würde das besser in einem neuen Artikel formulieren.

  23. @alle: also ich finde es spannend, erheiternd, bisweilen seufze ich, jedoch immer mit einem Augenzwinkern… 😉

    Ich habe folgendes Bild: wir sind alle auf der Party, dessen Gastgeber uns miteinander verbindet. Nun stehen wir am Buffet, man kommt sich näher als die Komfort-Zone gebietet und so fängt man ein Gespräch an. „Was machst du denn so…“ – Ich gebe zu, die Themen hier würden nicht unbedingt zur Gesprächseröffnung dienlich sein, obwohl: Phantasie hat das sehr wohl. Eine entschuldigende Geste zum Nebenmann, weil man gerade hinüberlangt um sich ein Stück Brot abzubrechen und dann ein kurzes: „Hallo. Und wie stehts du persönlich zum Suizid?“ 😉

    – zumindest ist dann gleich mal abgeklärt, ob man gesprächsmäßig mit der Person einen Draht finden wird oder nicht. ;-)) Zur Enttabuisierung würde es allemal beitragen.

    Um im Bild der Party zu bleiben: wenn mir die Party zu lang würde, muss ich ja nicht bis zum Schluss bleiben. Also mich würde ein Austausch weiter interessiern.
    Ehrlich, auch wenn mein Kommentar so klingt, als wollte ich mich nur lustig machen. (Ich hab eh das Gröbste schon wieder rausgekürzt.) Ich möchte nur das Ganze wieder ein bisschen auflockern. Ich fände auf jeden Fall Schade, wenn da jetzt so Spannungen reinkommen, auch wenn sich hier, zugegeben, teilweise recht gegensätzliche Welten begegnen.

  24. Das ist ein sehr fesselnder Bericht über Deine Gefühlswelt…Ich denke, der Hintergrund, warum das Thema Suizid in unserer Welt taburisiert wird ist, dass die Menschen ganz einfach Angst davor haben. Jemand, der keine Gedanken daran hat, freiwillig aus dieser Welt zu scheiden, kann nicht nachvollziehen, warum andere, die diese Gedanken eben haben, sie nicht einfach wieder loswerden können. Natürlich ist jeder einmal tief traurig, fühlt sich einsam und allein, aber man fällt einfach nicht so tief, dass man nicht mehr leben möchte. Alleine das Zuhören macht einem da schon Angst. Menschen brauchen Zeit, sich an so erschreckende Themen zu gewöhnen….

  25. Das ist sehr nett, dass Du so etwas sagst, allerdings ist „Begleitagentur“ kein Username und Du hast das ja nur geschrieben, um beim Keywordranking mit Deiner Homepage (ich habe den LInk gelöscht) besser da zu stehen.

    Von daher schicke ich Dir für die Werbung eine REchnung und frag nächstes Mal bitte vorher.

  26. Hallo,
    ich finde es richtig mit Themen wie Suizid als auch Depressionen an die Öffentlichkeit zu gehen. Deshlab habe ich es auch bei mir auf meiner HP zu einem wichrtigen Thema gemacht, welches auch in den SChulen besser behandelt werden sollte. Man sollteauch besser schauen und hin sehen wenn jemand Probleme hat. Wer möchte kann auf meiner HP rein schauen und sich mal ein Bild von mir machen.

  27. sorry, aber Deine Webseite hat kein ausreichendes Impressum. Es gibt Anwälte und Denunzianten die auf so ein gefundenes Fressen unr warten, um Dich anzuschwärzen. Ist mir auch schon passiert. Also erst Impressum und Datenschutzerklärung besorgen, dann Webseite bewerben. Link vorsorglich entfernt.

  28. Danke für den Bericht.

    Und ich hoffe, das er was bewirkt.
    Bin selbst Suizidal, z.Z. wieder etwas zu stark.
    Habs auch schon 2 mal versucht.
    Und das waren keine kurzschlusshandlungen,
    sondern lange überlegt.

    Und auch die Gedanken an andere (unbeteiligte) waren ausgeprägt.
    wie es so oft dargestellt wird.
    Aber in diesem Artikel kommt ja auch deutlich
    zum Ausdruck, das es ein langer Prozess ist

    Und wenn man endlich öffentlich drüber reden könnte,
    ohne gleich eingesperrt zu werden,
    dann wäre sicherlich vielen geholfen.

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